Westblick #19: Volle Konzentration

Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

Mein Blick vom tiefen Westen der Republik auf das Geschehen in Nürnberg

Wohin man in Kreisen Nürnberger Fußballfans momentan auch blickt, überall herrscht Derbyfieber. Die beiden Partien gegen Bayern und Fürth bieten große Emotionalität und ziehen uns schon im Vorhinein in ihren Bann. Extremer geht es ja auch kaum. Erst das Match gegen die Bayerischen Besatzer, der Tabellenführer und kommende Meister lädt ein in sein Schlauchboot. Dann die Grün-Weißen Komplettdurchgefallenen. Hoffnungslos abgeschlagen am Tabellenende. Wer nicht versteht, was Siege in diesen Spielen bedeutet, der ist kein Fußballfan. Alleine der Gedanke an 6 Punkte und die daraus folgende Genugtuung und Hochstimmung lässt den ganzen Körper kribblig werden. Und dann sind da noch die warnenden Stimmen im Hinterstübchen und die Gedanken an vergangene Schlappen und was alles auf dem Spiel steht.

Aber halt, da war doch noch was? Au verdammt, die Derbyzeit beginnt noch gar nicht diese Woche. Es wartet eine lästige und unangenehme Aufgabe gegen die Mainzer. Und da vergeht einem jede Derbyeuphorie. Nicht nur, dass das Hinspiel in den Sand gesetzt wurde. Nicht nur, dass die Gesamtbilanz gegen die Mainzer grauselig ist. Nicht nur, dass der Anblick des an der Seitenlinie wütenden Thomas Tuchel unerträglich ist. Nein, die Mainzer haben auch noch genau da ihre große Stärke, wo wir unsere Schwäche haben. Sie sind im Gegensatz zu uns Frühstarter und schossen bereits 6 Tore nur in den ersten 15 Minuten der Partien. Der Glubb hingegen braucht seine Zeit um Partien zu finden, zuletzt verschliefen wir jeweils die erste halbe Stunde (Wolfsburg und Schalke). Das darf uns gegen Mainz nicht schon wieder passieren, sonst gibt es ein Déjà-vu aus dem Hinspiel, wo wir in besagtem Zeitraum gleich 2 Tore fingen – und diesen Rückstand nie wieder aufholten. Es gibt aber auch Positives zu berichten. In der Rückrundentabelle stehen die Mainzer knapp hinter uns (13 zu 15 Punkte) und ihre Frühstarterqualitäten beziehen sich eher auf Heimspiele, denn auf Auftritte im gegnerischen Stadion, wo sie schwerer in die Gänge kommen und abwartender agieren. Sich darauf zu verlassen, wäre aber sicherlich fahrlässig, denn unsere Schwierigkeiten, ins Spiel zu finden sind sogar schon von der Presse bereits thematisiert worden. Der gegnerischen Videoanalyse unserer Spielweise, wird dies dann wohl erst recht nicht entgangen sein. Mainz wird früh Dampf machen, ja machen müssen, weil das ihre große Chance ist.  Trotzdem sind die Mainzer als Auswärtsmannschaft schlagbar. Den 25 Heimpunkten stehen nur 14 Auswärtspunkte gegenüber, zuletzt gab es ein 0:0 in Hoffenheim, ein schmeichelhaftes 1:1 in Düsseldorf und ein 1:1 in Augsburg.

Interessant ist auch das Auswärtssystem der Mainzer, ein 4-4-2 mit Raute. Dieses manchmal (und wie ich finde zu Unrecht) als antiquiert belächelte System ist ein klares Offensivsystem. Die Flügelspieler im Mittelfeld sind keine reinen Außenläufer, sondern spielen auf den Halbpositionen. Dies ergibt ein Übergewicht im Zentrum in der Offensive, was durch den 10er und die zwei Stürmer noch verstärkt wird. Gleichzeitig ist das System offensiv sehr variabel, weil sowohl die äußeren Mittelfeldspieler als auch der 10er auf die Flügel hinausschieben können. Es ist aber auch ein System, was auf eigenen Ballbesitz und Passsicherheit setzt. Bei Ballverlust ist es ungemein wichtig, durch Gegenpressing den Ball möglichst schnell zurückzuerobern, da das Umschalten in ein stabiles Defensivsystem häufig schwierig ist. Die Raute selbst ist defensiv instabil, die Flügel sind nur einfach besetzt und man zahlt dort seinen Preis für die offensive Übermacht im Zentrum.
Gegen ein solches System muss man defensiv mit 2 oder gar 3 defensiven Mittelfeldspielern das Zentrum schließen und offensiv das Flügelspiel forcieren. Das von uns oft gespielte 4-1-4-1 (was letztlich nur eine offensivere Ausrichtung des 4-2-3-1 ist) scheidet hier als Hauptausrichtung aus, da es die defensive Sicherheit mit nominell nur einem 6er nicht bieten kann. Auch eine doppelte defensive Absicherung auf der Außenbahn, wie wir sie in den letzten Spielen mit Balitsch und Chandler betrieben, erscheint gegen eine Raute überflüssig. So komme ich zu einer Aufstellung im 4-2-3-1 mit neu besetzten offensiven Mittelfeldspielern:

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Sollte Mainz mit Raute antreten, muss das Zentrum defensiv stärker geschlossen werden. Auf den Flügeln ist dagegen offensive Qualität wichtiger als defensive.

Auf die Schnelligkeit Essweins, die ja auch in der Spitze bei Kontergelegenheiten gut funktionieren kann, können wir bei einem Gegner, der mit Raute spielt, nicht auf dem Flügel verzichten, da dort die gegnerische Schwachstelle liegt. Deswegen wird wohl Pekhart wieder von Beginn an stürmen. Rechts gibt es die Option Mak, alternativ könnte Kiyotake wieder dorthin rücken, seinen Platz im Zentrum würden Balitsch (als 6er, Feulner würde vorrücken) oder Ildiz (vermutlich offensiv) einnehmen. Chandler rückt in die rechte Außenverteidigung zurück.
Es gibt aber eine Einschränkung: Gegen Hoffenheim setzte Tuchel (ohne großen Erfolg) auf ein 4-2-3-1. Sollte er dieses System wählen, wären obige Überlegungen natürlich nichtig. Dann würde sich eine Aufstellung in unserem Paradesystem 4-1-4-1 als offensiveres Gegensystem dazu gut eignen. Auch die doppelte defensive Absicherung der Außenbahn würde so wieder Sinn ergeben:

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Sollte Mainz im 4-2-3-1 antreten, würde sich unser erfolgreiches 4-1-4-1 als Gegensystem wieder gut eignen.

Es bleibt abzuwarten, was Tuchel tut, aber auf beide Systeme gibt es Antworten. Anders als im Hinspiel begegnen wir den Mainzern auf Augenhöhe, von Demut, wie im damaligen Westblick (der Geburtsstunde der Westblicke auf diesem Blog) noch gefordert, braucht dieses Mal keine Rede sein. Im November 2012 war der FCN eine Mannschaft, die spielerisch darbte und Mainz eben nicht. Mittlerweile hat man sich aber angenähert. In Mainz läuft längst nicht mehr alles so flüssig und der Glubb zeigte gegen Wolfsburg, Schalke und auch Frankfurt phasenweise Kombinationen, die man sich in den letzten Jahren nicht mehr erträumt hätte. So lange wir die volle Konzentration auf das Spiel und besonders seine Anfangsphase richten, anstatt von Derbysiegen zu träumen, kann das ein sehr erfolgreicher Nachmittag werden.

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