Westblick #18: Der Nichtglubberer.

Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

Mein Blick vom tiefen Westen der Republik auf das Geschehen in Nürnberg

Drei Monate sind vergangen, seitdem der Trainer des VFL Wolfsburg die Zelte (vielmehr: das Hotelzimmer) Hals über Kopf in Nürnberg abbrach, um dem Ruf des Geldes und der besseren sportlichen Möglichkeiten zu folgen. Er bekam seinen ersten Transfer ( den Ex-Dortmunder Perisic) und das Vergnügen, seine vorherigen Äußerungen zu Wolfsburg geradezubiegen. Er tätigte in der Folge einige unüberlegte Aussprüche, dass man ihn in Nürnberg verstehe und natürlich auch den unvergessenen Satz vom am Ende vor Nürnberg stehen. Auch diese Äußerungen versucht er jetzt wieder gerade zu korrigieren. Man hat den Eindruck, der einstig so souverän am Mikrofon wirkende Hecking ist ins Stolpern geraten, was die eigene Medienkompetenz betrifft. Oder aber man zieht in Zweifel, dass man ihm besonders viel glauben kann, was er so gerade öffentlich äußert. So wie seine Äußerungen über Wolfsburg nun Makulatur sind, so ist auch von seiner Aussage, „Wir sind Cluberer“, auf der letzten Jahreshauptversammlung nur wenige Monate vor seinem Abschied, wohl nichts mehr übriggeblieben. Zumindest kann man es ihm nicht mehr abnehmen. Da helfen jetzt auch die drei Jahre gute Arbeit nicht mehr viel. Oder dass er uns einen Fan aus der eigenen Familie geschenkt hat. Denn das Eine bezieht sich auf die fachliche Kompetenz, an der es nie große Zweifel gab, auch wenn man mit der Defensivverklumptaktik nicht immer einverstanden war. Das Andere bezieht sich auf das Menschliche und da sind Hecking durch die Art und Weise des Wechsels eben die Felle längst weggeschwommen. Ja, entgegen seiner eigenen nachträglichen Bemühungen hat sich Hecking vom Retter und Konstrukteur in Nürnberg zum Rivalen verwandelt. Seine Verdienste sind nicht vergessen, aber mit einem faden Geschmack versehen. Der Zug ist abgefahren und er sollte das akzeptieren. Er hat, wie er es ausdrückte, an sich selbst gedacht bei diesem Wechsel. Und nur daran. Es ist unnötig jetzt die positiven Resultate nach ihm als nachträgliche Legitimation seines Wechsels zu benutzen. Er muss auch nicht betonen, wie schön es doch sei, dass auch so eine Partie, wie die vom Sonntag mal großes Medieninteresse erfahre, oder dass er einen wie Timmy Simons bei sich gut gebrauchen könne. Damit versucht er sich wieder in die Position des Wohlttäters für Nürnberg zu rücken, die er nicht (mehr) verdient. Hecking ist auf seinen persönlichen Erfolg bedacht und Vereinsinteressen sind damit nur zeitweilig verknüpft. Davon kann man in Lübeck und auch Aachen ein Lied singen und nun eben auch bei uns. Das macht ihn nicht zu einem schlechten Menschen, den man verachten müsste. Aber er hat sich als jemand ausgegeben der rot-schwarz im Herzen sei, obwohl er es wohl nie war. Das macht ihn zu einem Blender.

Und so ist es eine Art kleines Derby, was uns am Sonntag erwartet. Für die Fans, weil sie sich von ihm teilweise getäuscht fühlen. Weil er den Teil des modernen Fußballs verkörpert, den wir so verabscheuen. Mitten in der Saison die Zelte abbrechen und die eigene Arbeit im Stich lassen. Auch für die Mannschaft ist es sicher kein normales Spiel. Man darf sich zwar über die meisten Spieler keine Illusionen machen, dass sie bei entsprechendem Angebot nicht ebenso schnell weg wären (auch wenn sich z.B. damals ein Misimovic, für viele die Verkörperung des Spielersöldners, sicher nie auf eine JHV gestellt hätte oder sonstwie sich als Glubberer angebiedert hat) wie es Hecking tat. Nein, bei der Mannschaft liegt die Motivation sicher anders. Es ist ein menschliches Bedürfnis, dem ehemaligen Chef zu zeigen, wo der Hammer hängt. Da sind nicht nur bei den damaligen Bankdrückern ein paar kleinere Rechnungen offen. Über fehlende Motivation werden wir uns jedenfalls keine Sorgen machen müssen und da ist das ganze leidige Thema Robert Mak und sein Getwitter noch völlig außen vor.

Und Wolfsburg? Eine Mannschaft ohne Seele, voller Söldner. Nun auch mit einem Söldnertrainer. Wie soll die Leidenschaft versprühen? Eine Einheit werden? Kaum denkbar. Und doch kann uns der VFL über die individuelle Klasse gefährlich werden. So wie die Wölfe auch das momentan taumelnde Freiburg hauptsächlich über einige geniale Aktionen und Kunstschüsse bezwang, kann es auch uns ergehen. Dass der VFL das Tor derart schlecht sieht und trifft wie zuletzt der FC Schalke, ist zweifelhaft. Zudem kennt Dieter Hecking unser Team wie kein zweiter. Üblicherweise spiegelt er das System des Gegenübers, es ist also denkbar, dass er den zwei 8ern im Glubbsystem zwei 6er gegenüberstellt, was praktischerweise seinem Lieblingssystem 4-2-3-1 entspräche. Damit würde die offensive Überzahl des FCN ausgeglichen und es ergäben sich Möglichkeiten, unserer hoch stehenden Abwehr Schwierigkeiten zu bereiten, wenn ein Ballverlust erzwungen werden kann. Eine ähnliche Strategie praktizierte beispielsweise Polen sehr effektiv im Länderspiel gegen Deutschland. Bei Ballgewinn ergaben sich Lücken zwischen den Viererketten, die der einzelne 6er im deutschen Spiel (Rolfes) nicht zugelaufen bekam. Damit konnte die Abwehr nicht geordnet hoch stehen bleiben und kein wirksames Gegenpressing (der direkte Versuch der Ballrückgewinnung nach eigenem Ballverlust. Dabei werden dem gegnerischen Balleroberer die Passwege zugestellt und Druck ausgeübt, sodass der eigene Fehler letztlich folgenlos bleibt) aufbauen. Stattdessen löste sich der  Abwehrverbund in solchen Situationen auf und musste ins Laufduell. Damit sei nicht gesagt, dass das 4-2-3-1 im direkten Aufeinandertreffen mit dem 4-1-4-1 automatisch das bessere System von beiden sei, oder umgekehrt. Es ist vielmehr so, dass sich die gegenseitigen Vor- und Nachteile neutralisieren. Und dann kommt es wieder mehr auf die individuelle Klasse an. Die ist auf Seiten Wolfsburgs schwer einzuschätzen. Die beiden Diegos im Team sind sicherlich von guter Qualität, auch Olic scheint in Tritt gekommen zu sein, ansonsten eine Menge Mittelmaß. Nun haben wir mit Simons einen zumindest defensiv exzellenten 6er, nach dem sich Hecking wie erwähnt bereits verzehrt (falls man seinen Worten hier zur Abwechslung Glauben schenken mag) und der, mit Ausnahme des Dortmundspiels und Phasen im Spiel gegen Schalke, die Lücken zwischen den beiden Ketten mit Unterstützung der 8er gut abriegelte. Die Erfahrung des Deutschlandspiels sollte uns somit erspart bleiben, zumal unsere Mannschaft eingespielter in diesem System ist als es die deutsche zum damaligen Zeitpunkt war. Ob wir Ivan Perisic ebenso mit einer doppelten Außenverteidigung begegnen werden wie Bastos und zuvor Augsburg ist daher das einzige Fragezeichen in der Glubbaufstellung (auch weil Chandler zuletzt leicht angeschlagen war). Ansonsten wird Wiesinger das „running system“ wohl kaum verändern und damit die Eingespieltheit aufs Spiel setzen.

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Die wahrscheinlichste Version der Startaufstellung. Auftritt wie gegen Schalke.

Der Einsatz von Esswein in der Spitze macht dagegen nur dann Sinn, wenn man selbst Kontergelegenheiten und Platz in der gegnerischen Hälfte hat. Beides trifft in der Regel auf Heckings Spielweise nicht zu. Alternativ zu Chandler wäre es möglich einen offensiveren Flügelmann zu bringen, also Kanazaki oder Mak (Gebhart fällt für das Match aus, Frantz ist nicht jetzt gerade immer eine offensive Waffe). Allerdings ist dies wieder mit defensiven Risiken, die wir bereits auf der linken Außenbahn mit Esswein und Pinola haben, verbunden.

Alles in allem erwartet uns kein leichtes Spiel, denn Wolfsburg wird das Spiel nicht machen, was uns normalerweise aber liegt. Vom Abstieg weit genug entfernt, von Europa höchstens noch via DFB-Pokal träumend, geht es für Wolfsburg eigentlich um gar nichts mehr. Allenfalls für Hecking, der sein Gesicht wahren wollen wird. Für den Glubb wird es wichtig sein, defensiv gut zu stehen und offensiv durch Pressing und Gegenpressing Ballverluste des Gegners zu erzwingen. Und diese dann schnell und effektiv, so wie es zuletzt gut gelang, zu nutzen. Ob die zweifellos bestehende Emotionalität gegenüber des Nichtglubberers dabei hilfreich oder eher hinderlich sein wird, muss sich noch zeigen.

 

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