Westblick #24: Krisenmanagment ala Glubb

Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

Mein Blick vom tiefen Westen der Republik auf das Geschehen in Nürnberg

Ich würde ja wirklich gerne eine einfache Spieltagsvorschau schreiben – aber wollen wir wirklich ernsthaft eine sportliche Vorausschau auf das morgige Dortmundspiel wagen? Denn wenn ja, fiele die ungefähr so aus:

Der Gegner ist in fantastischer Form, versteht es durch hohes Tempo im Spiel und viele beinahe chaotisch anmutende Laufwege Lücken in Abwehrverbünde zu reißen. Diese sind aber keineswegs zufällig sondern Ausdruck eines hervorragenden Spielverständnisses zwischen den einzelnen Akteuren Die spielerische Last wird dabei auf einer Vielzahl von Schultern verteilt, ob Mkhitaryan, Reus, Sahin, Bender, Aubameyang, Kuba oder Lewandowski – Qualität, technische Beschlagenheit, Passsicherheit und Tempofußball wohin man schaut. Da fallen auch Ausfälle wie Gündogan, immerhin letzte Saison noch herausragender Akteur in schwarz-gelb nicht ins Gewicht. Zwar gab es diese Woche gegen Neapel einen Dämpfer und dank kleinerer Verletzungen und Doppelbelastung auch hie und da sicher die eine oder andere personelle Änderung, doch einen geschwächten Gegner darf man nicht erwarten.

Dortmund

Morgen folgt der nächste Zusammenstoß. Dortmunds Offensivqualität verursacht angesichts der Anzahl Chancen, die der Glubb momentan zulässt, großes Bauchgrummeln

Dortmund ist zum jetzigen Zeitpunkt wohl wesentlich besser eingespielt als die Bayern es waren und mehr als in der Lage eine zwar vielbeinige, aber statische Defensive, wie sie der Glubb besonders gegen spielerisch überlegene (also praktisch alle) Teams aufzustellen pflegt, in ihre Einzelteile zu zerlegen.
Kurz: Die alte Heckingtaktik wird wohl nicht aufgehen, aber hat der Glubb überhaupt noch was anderes in petto?

Diese Frage leitet über zum eigentlichen Themengebiet dieser Woche. Der Alarmstimmung am Valze, inklusive drohender Trainerablösung, einer mal wieder brodelnden Fanstimmung, der schon fast routinemäßigen disziplinarischen Abstrafung Robert Maks vom letzten Wochenende und dem angeblich nicht disziplinarischen Ausschluss von Hanno Balitsch vom Abschlusstraining.

Robert Mak

Ob Mak morgen im Kader steht, ist noch nicht raus. Ob es nochmal was mit ihm wird, wird zunehmend unwahrscheinlich.


Punkt 1: Robert Mak
Der Club strich Robert Mak letztes Wochenende mal wieder aus dem Kader. Es folgten die üblichen Ansagen, Mak habe noch nicht begriffen, wie das Profigeschäft laufe. Es ist ein wenig seltsam, warum der Junge in jeder Vorbereitung von Saulus zum Paulus gekürt wird, um ihn kurz darauf wieder zum Judas zu degradieren. Es haben sich jetzt 2 Trainer versucht, den Jungen wieder in die Spur zu bringen. Zuletzt hoffte man gar, die Berufung von Landsmann Marek Mintal könnte in diese Personalie endlich Ruhe bringen. Dem ist nicht so, auch eine Rückkehr in den morgigen Kader gilt als alles andere als gesichert.
Einerseits scheint hier der Fall klar, nämlich das Mak die mentale Reife zum Profi nicht mitbringt, Talent hin, Talent her. Andererseits muss sich der Glubb fragen lassen, warum er den jungen Slowaken nicht konsequenter behandelt. Das Tempo aus Bestrafung und Begnadigung scheint insgesamt beim Glubb atemberaubend zu sein, etwas, worauf wir auch bei Hanno Balitsch gleich noch weiter zu sprechen kommen werden.
Hanno Balitsch

Mit dem lange gespürten Rückhalt vom Trainer scheint es erstmal vorbei zu sein. Balitsch durfte am Freitag nicht einmal mittrainieren.


Punkt 2: Hanno Balitsch und die leidige Frage mit dem defensiven Mittelfeld
Hanno wurde hier wie kaum ein Profi als Problem und als Fehlbesetzung bezeichnet. Dies geschah nicht aus Boshaftigkeit, nicht als Nachkarteln für seine Interviews rund um das Derby letzte Saison und das Spiel in Hoffenheim. Nein es geschah, weil er kein moderner 6-er ist, wir aber einen (besser 2) bräuchten. Jemanden der die Verantwortung sucht, den Ball halten kann und ihn doch klug zu verteilen sucht. Der die Bälle nicht primär in Zweikämpfen erringt (auch wenn er dies beherrschen sollte) sondern durch gutes Stellungsspiel Bälle antizipiert – und diese umgehend offensiv weiterleitet. Jemand der das Spiel schnell macht, anstatt es zu verlangsamen.
Makoto Hasebe

Muss sich noch steigern, ist aber momentan die große Hoffnung auf Besserung: Makoto Hasebe


Dieses Anforderungsprofil passt so gar nicht auf Hannos Spielweise. Ob ein Hasebe es ausfüllen können wird? Keine Ahnung. Ob Stark dem gewachsen ist? Ich weiß es nicht, bisher war das auch nicht gut von ihm, allerdings ist er noch jung und lernfähig und wenn der Trainer ihn aufstellt und ihm vertraut, tue ich dies zunächst auch, bis ich den gefestigten Eindruck habe, dass dem nicht so ist. Dasselbe Vorschussvertrauen erhielt im Übrigen auch Hanno, bis er es sukzessive verspielte.

Lange wurde Wiesinger für das Festhalten an und Auserkiesen von Hanno zum Simons Nachfolger und Leader auf der alleinigen Basis vieler Bundesligaspiele kritisiert. Jetzt hat er ihn „aus sportlichen Gründen“ abgesägt. Ja, man muss es so drastisch sagen, und die sportlichen Gründe stehen nicht nur aus Zitatgründen in Anführungszeichen. Der Hobbypsychologe in mir stellt nämlich fest, dass Wiesinger auf der Pressekonferenz sehr einsilbig, angespannt und schmallippig auf alle Nachfragen zur Nichtberücksichtigung und dem Ausschluss vom Training antwortet. Auch wenn er es noch so oft wiederholt, seine Begründung wirkt unglaubwürdig. Wäre es die Wahrheit, würde es zudem Bände sprechen. Ein Trainer, der nach Monaten der Arbeit mit einem Spieler diesen erst zum Leitwolf ernennt, um kurz darauf diesen von der Startelf direkt auf die Tribüne zu befördern, weil ihm auf einmal klar geworden ist, dass dieser Spieler gar nicht das Zeug dazu hat, um dessen Fachverstand kann es eigentlich nicht sehr weit her sein.
Nein, es ist eher anzunehmen, dass mehr dahinter steckt. Auch die Nürnberger Nachrichten spekulieren bereits munter, dass Balitsch eventuell gar nicht mehr zurückkehren könnte. Balitsch ist als Querkopf verschrien, eventuell sind außersportliche Dinge vorgefallen, die man aber lieber verschweigt. Das wäre dann ein mal ausnahmsweise löblicher (wenn auch durchschaubarer) Versuch, eine Krise unaufgeregt zu managen. Die Personalie Mak wurde im Vergleich viel zu sehr breitgetreten.

Mike Frantz

Ersetzt er Balitsch gegen Dortmund? Mike Frantz ist ein ehrlicher Rackerer auf dem Feld. Aber ein moderner 6er?


Kritisieren muss man aber das Tempo, mit dem Spieler aus der Startelf direkt aus dem Kader fliegen um dann kurz darauf wieder von Beginn an aufzulaufen. Das wirkt inkonsequent und unprofessionell. Welches Gewicht hat diese eigentlich harte Strafe, wenn man kurz darauf wieder voll dabei ist? Und dies wie im Falle Mak auch nach mehrmaligen Verfehlungen? Welche Botschaft sendet das an den Rest der Truppe? Warum werden Spieler von heute auf morgen ohne spielerische Begründbarkeit zum Leitwolf erklärt – und dann nach nur 5 Spieltagen degradiert?
Ich begrüße ja, dass man Balitsch nicht mehr eine Rolle abverlangt, die er nicht ausfüllen kann, aber wo sind die Alternativen? Warum droht jetzt nach der Ausmusterung von Ildiz, der Erkrankung von Feulner und der Bankversetzung von Stark wirklich das Szenario, dass Mike Frantz auf die 6 zurückkehrt? Dieser mag zwar etwas besser pressen als Hanno Balitsch, erfüllt das angesprochene Anforderungsprofil aber genauso wenig. Wenn das morgen Wirklichkeit wird, ist das die Bankrotterklärung für alle Ansprüche einen anderen Stil zu spielen.

Punkt 3: Fanstimmung und Trainerstuhlwackeln
In den letzten Tagen ist quer durch viele Fangruppierungen die Frage nach dem Vertrauen in das Trainerduo Wiesinger/Reutershahn gestellt worden. Die Ergebnisse glichen sich, ob Trainingsgäste, Forenmitglieder oder Facebookuser, die Mehrheit glaubt nicht mehr an den jungen Coach und seinen grauen Schatten.
Nun ist das nicht unbedingt das Kriterium der Wahl – denn der Weisheit der Vielen ist längst nicht immer zu glauben. Oder wie es Schiller drastischer ausdrückt „Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn. Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.“ Ob man dem nun zustimmen mag oder nicht, es ist doch zumindest lohnenswert (wenn auch utopisch) auf das Trainergespann einen möglichst unvoreingenommenen Blick noch einmal zu werfen. Denn dieses Fanbrodeln kann sich gerade im Hinblick auf die nicht mehr ferne Jahreshauptversammlung schnell in ein Brausen und letztlich einen Orkan verwandeln, den auch die Vereinsführung nicht mehr ignorieren könnte.

Trainerteam

Hatten zuletzt nicht viel zu lachen: Trainer Michael Wiesinger und Armin Reutershahn


Zunächst ein Blick auf die letzte Rückrunde. Wiesinger holte mit einem zunächst mutigen, dann aber stark am Vorgängertrainer orientierten Spielsystem einen sehr ordentlichen Punkteschnitt, der am Ende trotz einiger Pannen den 10. Platz bedeutete. Das war unterm Strich sehr gut, auch wenn es enttäuschend war, dass Wiesinger offensichtlich nicht den Mut hatte, größere Veränderungen vorzunehmen und der Mannschaft mehr spielerische Mittel und Taktiken, beizubringen. So blieb es bei dem Konzept der Defensivblockade und der Abhängigkeit von Standards.
Gegengesteuert wurde nicht taktisch, sondern personell. In Hasebe, Drmic und Stepinski wurden für Glubbverhältnisse große Summen investiert, um der lahmenden Offensive neuen Esprit zu verleihen. An der Defensivausrichtung hielt das Trainergespann fest. Automatismen, Spielwitz und Kreativität sucht man weiterhin vergebens. Will man es wagen nach nur 5 Spieltagen eine Bilanz zu ziehen wurde der Anteil an guten Minuten pro Spiel unter Wiesinger eher weniger. Statt guter Halbzeiten spielen wir mittlerweile nur noch gute 10 Minuten, wenn man gnädig ist.

Fazit: Ok, das mit dem unvoreingenommen sein hat nicht ganz geklappt, mea culpa.
Trotzdem muss man feststellen, dass das Krisenmanagement (diesmal nur auf die spielerische Armut bezogen) in der Sommerpause nicht gut war. Viel Geld, wenig Wirkung ist das bisherige Zwischenfazit der Transferbemühungen, eines, das man hoffentlich noch korrigieren müssen wird. Dazu scheint der Wille zu mehr Ballbesitz, einem verbesserten Spielaufbau und dadurch Entlastung für die eigene Defensive gar nicht vorhanden zu sein, zumindest sind bisher nicht einmal Bemühungen aus meinem Betrachtungswinkel zu erkennen.

Dazu die personellen Querelen und die Inkonsequenz in der Sanktionierung von Fehlverhalten, das Wahnsinnstempo im Spielerkarussell, die öffentliche Abkanzlung Einzelner die falschen Analysen – gemeint sind hier insbesondere das Formulieren von Worthülsen wie „individuelle Fehler“ als Ursache von Niederlagen und das Nennen von Zweikampfstärke als Anspruchsdenken an einen geeigneten 6-er – es spricht wirklich momentan wenig für einen erfolgreichen Ausgang dieser Misere, ohne Wechsel des Steuermanns. Wiesinger gibt mir wirklich wenig in die Hand, warum ich noch an ihn glauben sollte. Als Skeptiker ist ein Glaube ohne guten Grund aber ein irrationaler Glaube – das ist im Fußball zwar erlaubt, aber höchstens als Fan. Als Vereinsverantwortlicher bezahlt man dafür häufig bitter.

Schade, denn eigentlich war es doch eine schöne Vorstellung, ein Glubb-Mitglied als Trainer zu haben, oder?

Bildquellen: fcn.de

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3 Kommentare zu Westblick #24: Krisenmanagment ala Glubb

  1. Franz Meister sagt:

    Wie stets, treffender Kommentar !
    Meine Ergänzung : Gerade weil der aktuelle Kader spielerisch wesentlich mehr Potenzial haben sollte , als jener, der Hecking zur Verfügung stand, spricht , angesichts des Spielverfalls , den wir Woche für Woche miterleiden müssen gegen WieReu !

  2. Über60Jahreclubberer sagt:

    Besser kann man die Situation beim und um den Clubb nicht beschreiben, profimäßig

  3. hm sagt:

    Klar mit diesem emotionslosen Trainer rennt der Club Richtung 2.Liga.
    Der Trainer hat kein Konzept. Nur gegen Topteams schaut man mit gnadenloser Defensivtaktik einigermaßen gut aus. Ansonsten lässt Wiesinger zu Hause eine wirre wischi waschi Taktik spielen,die sich auszeichnet das kaum Laufwege einstudiert sind. Auch das Zweikampfverhalten ist grausam. Entweder Fouls mit Ansage
    oder gar kein richtiges Tackling. Wer Kyotaki Rechtsaußen spielen lässt dem gehört die Trainerlizenz entzogen.Vor einigen Jahren musste Misimovic auch schon auf dieser Position beim Club spielen. Später wurde er zentral ein Weltklassespieler
    Bitte holt endlich mal einen guten Trainer mit ein bisschen mehr Temperament

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