27. Spieltag VfL Wolfsburg – 1. FC Nürnberg 2:2

Spieltagsanalyse

Artikel zum aktuellen Spieltags unseres geliebten 1. FC Nürnbergs

Michael Wiesinger wählte im Vorfeld der Partie ein System mit Doppelsechs. Was im ersten Moment noch für Verwunderung sorgte, stellte sich bei genauerer Betrachtung als geschickter Schachzug heraus: Zum einen sollte die Doppelsechs dabei helfen die Räume vor der Abwehr möglichst klein zu halten und Diego nicht zur Entfaltung kommen zu lassen und zum anderen, in Erwartung eines gegnerischen 4-1-4-1, direkte Zuweisungen, welche die Defensivarbeit erleichtern, generiert werden. Jedoch ließ Dieter Hecking seine Mannschaft untypischerweise im 4-1-3-2 mit Raute antreten und es war relativ schnell zu erkennen, dass der Nürnberger Trainerstab nicht mit dieser Ausrichtung gerechnet hatte und auch die Mannschaft nicht so recht wusste, wie sie den Gegner anpacken sollte.

Taktische Ausrichtung in der ersten Halbzeit

Allgemeine taktische Ausrichtung beider Mannschaften in der ersten Halbzeit. Mit Pfeilen dargestellt sind typische Laufwege einzelner Spieler. Mit roten Ellipsen dargestellt sind ungenutzte Räume für die Außenverteidiger des Glubbs. Im Zentrum lag eine 3vs4 Unterzahl aus Sicht des 1. FC Nürnbergs vor.

Das Problem lässt sich relativ leicht erklären: Im zentralen Mittelfeld war der Glubb in Unterzahl. Rodriguez und Medojevic spielten zwischen Außenbahn und Zentrum, sodass weder das zentrale Mittelfeld noch die Außenverteidigung des Glubbs wirklich Zugriff auf sie hatte, bzw. häufig auch Unklarheit darüber herrschte, wer sich um diese Spieler kümmern sollte. Simons war klar Diego zugeteilt und Kiyotake kümmerte sich lose um Polak. Jedoch schafften es die Wolfsburger durch geschicktes Verschieben immer wieder Simons von Diego abzuziehen und diesen unmittelbar im freien Raum vor der Abwehr zu positionieren. Exemplarisch dargestellt ist dies in folgender animierter Abbildung.

Schaffen von Freiräumen für Diego

Schaffen von Freiräumen für Diego. Rote Linien stellen Zuordnungen dar, Pfeile weisen auf Laufwege hin. Der freie Mann ist mit rot unterlegt. Vier Wolfsburger stehen drei Glubberern gegenüber. Simons ist Diego zugeteilt, Kioytake kümmert sich um Polak und Feulner verfolgt Medojevic. Rodriguez ist frei und dringt in den Raum von Simons ein. Balitsch könnte die Unterzahl aufheben, würde jedoch dadurch den Abwehrverbund auflösen. Simons attackiert Rodriguez und lässt Diego ziehen. Da Olic auf die Außenbahn wechselt wird verhindert, dass Pinola einrücken kann um sich um Diego zu kümmern. Diego ist frei vor der Abwehr.

Die Raute hat jedoch auch Nachteile, die speziell in der ersten Halbzeit nicht genutzt wurden. Da die Außenverteidiger praktisch keinen direkten Gegenspieler haben, können sie sich vermehrt in die Offensive einschalten, bzw. deutlich höher positioniert agieren. In Kombinationsspiel mit den Außenstürmern lassen sich somit leicht Überzahlsituationen auf den Flügeln erzeugen. Balitsch und Pinola erkannten diese Möglichkeiten jedoch nicht und die Mannschaft wirkte ratlos und wusste nicht so recht, wie sie diesen Gegner bespielen sollte.
Wiesinger muss die Mannschaft auf diese Punkte hingewiesen haben, denn der Glubb zeigte in der zweiten Halbzeit einen klaren Matchplan, welcher direkt die Schwachstellen des Gegners adressierte. Dass auch kleine Veränderungen riesige Auswirkungen haben können, zeigt sich beispielsweise an der Wechselwirkung zwischen Pinola und Medojevic: Da Pinola in der zweiten Halbzeit offensiver agierte (Doppelt so viele Pässe wie in der ersten Halbzeit, Zweikämpfe in der gegnerischen Hälfte) sah sich Medojevic dazu gezwungen aus dem Zentrum herauszurücken und ihn zu stellen. Dadurch ging die Wolfsburger Überzahl im Zentrum verloren und Pinola, wohlgemerkt durch die eigenen Offensivbemühungen, hatte auch in der Defensive endlich einen direkten Gegenspieler.

Taktische Ausrichtung in der zweiten Halbzeit

Allgemeine taktische Ausrichtung beider Mannschaften in der zweiten Halbzeit. Mit Pfeilen dargestellt sind typische Laufwege einzelner Spieler. Mit roten Linien dargestellt sind Zuordnungen. Die Unterzahl im Zentrum wurde durch die höhere Positionierung von Pinola ausgeglichen.

Auch die Umstellung von 4-2-3-1 auf 4-1-4-1 verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Glubb konnte weiter vorne zustellen und viele Bälle antizipativ, daher außerhalb des Zweikampfes (der Glubb bestritt in der zweiten Halbzeit weniger Zweikämpfe als in der ersten Halbzeit), erobern. Feulner spielte nun gegen Rodriguez, Kioytake kümmerte sich um Polak und Simons bearbeitete Diego. Medojevic wurde nach außen gezogen und selbst wenn er sich in das Zentrum zurückfallen ließ, von Pinola verfolgt. Die Hereinnahme von Pekhart erlaubte es Esswein auf die Außenbahn zu wechseln, somit für mehr Breite im Spiel des Glubb zu sorgen und den kompakten Gegner auseinander zu ziehen. Im Gegensatz zu seiner typischen Spielweise zog es ihn dabei nicht in das Zentrum. Der Glubb suchte die Schwachstellen des Gegners und attackierte konsequent über die Außenbahn. Insgesamt wirkte das 4-1-4-1, von den Zuordnungen, passender um die gegnerische Raute zu bespielen. Wolfsburg konnte den Glubb kaum noch Probleme bereiten und die angesprochenen Nachteile ihrer taktischen Ausrichtung kamen zum Tragen: Die Außenbahn war häufig offen und hohe Bälle in den Rücken der Außenspieler der Raute erwiesen sich als effektiv.

Dieter Hecking erkannte im Verlauf der zweiten Halbzeit diese Probleme und stellte auf ein 4-2-3-1 um. Die Spiegelung des gegnerischen Systems wird von ihm gerne verwendet um der gegnerischen Mannschaft den Zahn zu ziehen. Genau in dieser Phase wurden die Wolfsburger auch wieder spielbestimmender und übernahmen die Kontrolle des Spiels – der Glubb verlegte sich deshalb auf Konter.

Zur zweiten Halbzeit muss zusammenfassend gesagt werden, dass der Glubb wirklich gut den Ball laufen ließ. Simons spielte immer wieder flache Pässe durch das Zentrum und beteiligte sich intensiv am Spielaufbau. Insgesamt wirkte der Glubb sehr dynamisch und die Spieler hielten nur kurz den Ball und boten sich für Zuspiele an. Das Zusammenspiel wirkte – auch auf die gesamte Saison gesehen – vom Spielverständnis wesentlich reifer und der Glubb konnte sich einen defensiv ausgerichteten Gegner zurecht legen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, längst überfällig und der Verdienst von Michael Wiesinger.

Auch im Pressing wusste der Glubb zu überzeugen. Nach Ballverlust orientierten sich die Spieler unmittelbar auf den ballführenden Gegenspieler und teilweise konnte der Glubb am gegnerischen Strafraum Gleich-, bzw. Überzahl herstellen. Besonders deutlich war dies an einer Situation in der 47. Minute zu erkennen, die exemplarisch das aggressive Pressing des Glubbs beschreibt:

Pressing des 1. FC Nürnberg

Pressing des 1. FC Nürnberg in dewr 47. Spielminute. Mit roten Linien darsgestellt sind Zuordnungen, Pfeile weisen auf Laufwege hin. Polak wird unter Druck gesetzt und passt den Ball zurück Kjaer, der konsequent attackiert wird. Durch die Gleichzahl in Strafraumnähe und die gute Positionierung des Glubb exisitieren keine Anspielstationen und Kjaer bleibt nur der hohe Ball aus der Abwehr.

Unterm Strich war es eine sehr gute Leistung des 1. FC Nürnbergs. Die erste Halbzeit war schwächer als die zweite Halbzeit, jedoch auch nicht so schlecht wie das Ergebnis vermuten ließ. Die Tore sind aus individuellen Aktionen entstanden und kaum auf taktische Finesse zurückzuführen gewesen. Wiesinger stellte zur Halbzeit um, verdeutlichte Schwachstellen und ließ die Mannschaft aktiv den Ball erobern – über die gesamte Partie gesehen war der Glubb die deutlich bessere Mannschaft und dementsprechend wäre auch ein Sieg alles andere als unverdient gewesen. Nichtsdestotrotz kann der Glubb mit diesen Punkt leben und braucht sich auch im nächsten Spiel gegen Mainz nicht zu verstecken.

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5 Kommentare zu 27. Spieltag VfL Wolfsburg – 1. FC Nürnberg 2:2

  1. Exilfrange sagt:

    Deine bisher anschaulichste Analyse! Großartig!

  2. Peter sagt:

    Servus,
    eigentlich bin ich ja nur ein stiller Mitleser deiner Analysen…
    Jetzt muss ich aber doch mal ein fettes Danke! anbringen.
    Ich freue mich immer auf deine Zusammenfassung und lerne jedes Mal so einiges dazu.
    Einfach Klasse, super gemacht!

  3. Stefan Biewald sagt:

    Genial recherchiert!!!! Bitte weiter so.

  4. Johannes sagt:

    Super, vielen Dank, gern gelesen! Bitte mehr davon! 🙂

  5. Chaos sagt:

    Herzlichen Dank! Ich bin echt gespannt wie wir uns gegen Mainz schlagen – die Analyse wird aber erst im Verlauf der Woche kommen!

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