Westblick #20: Der perfekte Zeitpunkt zum Bayernbesiegen?

Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

Mein Blick vom tiefen Westen der Republik auf das Geschehen in Nürnberg

Bevor wir den Blick nach vorne richten lohnt sich der Blick auf das letzte Spiel gegen Mainz, besonders, da die Chaos-Analyse diese Woche ja leider ausfallen musste. Eine ähnliche Ausführlichkeit und Qualität kann an dieser Stelle nicht erreicht werden, doch so viel: Der Glubb trat im gewohnten 4-1-4-1 auf. Ein System, das im Unterschied zum Heckingschen 4-2-3-1 einen defensiven Mittelfeldmann (6er) gegen einen offensiven (8er) eintauscht. Damit eignet es sich besonders für Mannschaften, die früh attackieren und somit hoch stehen. Das war gegen Mainz aber mitnichten der Fall.

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Blick auf die oft sehr tief stehende Nürnberger Verteidigungsordnung. Gut erkennbar ist die 4-1-4-1 Ausrichtung, auch wenn Alexander Esswein am rechten Bildrand fehlt.

Nicht nur in dieser Situation stand die Abwehrkette auf Höhe des Sechzehners, davor die restlichen Spieler angeordnet. Somit überließen wir Mainz das Feld, den Ballbesitz und die Spielkontrolle. Außerdem bedeutete es, dass wenn man den Ball gewann, man sich meist am eigenen Sechzehner befand. Bis zum gegnerischen Tor war es dann ein weiter Weg, der nicht schnell überbrückt werden konnte und somit Mainz jede Menge Zeit zum Reagieren gab. Dabei ist es bei einem Konter doch entscheidend, die noch ungeordnete, weil sich im Umschalten befindende, gegnerische Abwehr schnell unter Druck zu setzen. Mit Bällen in die Schnittstelle oder einem temporeichen Passspiel kann so der gegnerische Abwehrverbund aufgelöst und große Chancen herausgespielt werden. Die Versuche, dies bei Ballgewinnen in der eigenen Hälfte durchzuführen, scheiterten gegen Mainz oft kläglich. Teilweise lag es an der erwähnten langen Reaktionszeit, die man Mainz einräumte, teilweise an der eigenen Schlampigkeit.
Außerdem, ohne ein einzelnes Standbild aus 90 Minuten überstrapazieren zu wollen, ist auf obigem Bild erkennbar, dass Esswein als gelernter Stürmer weit offensiver denkt als der Außenverteidiger Chandler. Die linke Seite ist nicht immer nur aufgrund des vielgescholtenen Pinola anfällig, sondern auch weil Esswein sich mehr offensive Freiheiten nimmt, als es Chandler auf rechts tut. Gleichzeitig belebt Esswein auch das Offensivspiel deutlich mehr als sein Gegenpart, es ist eben ein Balancespiel zwischen Angriff und Defensive – und das muss gegen die Bayern deutlich besser klappen, als in Mainz. Was aber eindeutig nicht besser werden muss, sind die Standards. Eine beachtliche Bilanz und eine fast schon erschreckend große Effektivität machen jede Kritik überflüssig. Es ist auch eine Qualität, in einem nicht so guten Spiel als Sieger vom Platz zu gehen und es ist beruhigend, dass wir, wenn nichts läuft, immer noch diese Waffe in der Hinterhand haben.

Zurück zur Gegenwart: Augsburg bezwungen, Schalke eiskalt abserviert, gegen Wolfsburg stark zurückgekommen und gegen Mainz wie beschrieben auch in einem schlechteren Spiel den Sieg davongetragen. Der Glubb ist 2013 schwer zu schlagen wie selten. Als Rückrundenvierter geht es zu den Bayern, die das Halbfinale der Championsleague sehr sicher erreichten, letzte Woche zudem die Meisterschaft eingetüteten. In der Liga sind nun höchstens noch Rekorde zu sammeln, der Fokus liegt aber eigentlich mehr auf dem Pokalspiel gegen die Wölfe, nur drei Tage nach der Partie gegen uns. Heynckes wird sicherlich rotieren, Stammspieler Toni Kroos fällt ohnehin mit einem Muskelbündelriss aus. Das alles klingt nach dem perfekten Zeitpunkt gegen die Bayern zu spielen, wenn es sowas geben kann.
Wie man sich denken kann, ist diese Sicht allerdings sehr einseitig und schöngefärbt. Denn der Gegner ist Mehrfachbelastungen gewöhnt, hat einen qualitativ auch in der Breite bestens aufgestellten Kader und zudem in schwächeren Phasen ein sehr selbstkritisches Gesicht gezeigt. Die schwächeren Vorstellungen gegen Hoffenheim, Düsseldorf und Arsenal blieben auch intern nicht unbemerkt. Die dort eher unterdurchschnittliche Form („Wir spielen seit drei Wochen schönen Dreck“), wurde angesprochen und anschließend korrigiert. Es folgte die Gala gegen Hamburg und die Meisterschaft gegen Frankfurt. Juventus Turin wurde mal so eben abgefrühstückt. Leicht, das ist jetzt keine große Überraschung, wird es auch jetzt gegen die Bayern nicht. Also blicken wir einmal auf das typische Bayernsystem dieser Saison. Dieses ist ein 4-2-3-1, ohne Ball lassen sich die offensiven Flügelspieler weiter fallen und das System wird zum 4-4-1-1. Auf der Doppelsechs sucht man dabei vergebens nach einem defensivem Abräumer. Sowohl Schweinsteiger als auch Martinez sind zwar vorrangig für Pressing und Ballgewinne zuständig – ein Pressing, was diese Saison ligaweit seinesgleichen sucht – schalten sich aber immer wieder mit in das in dieser Saison sehr variable Angriffsspiel des Meisters ein. Waren die Bayern in manchem Jahr doch sehr abhängig von den Einzelleistungen Riberys und Robbens und damit ausrechenbar, kombinieren sie sich diese Saison temporeich durch den gegnerischen Abwehrverbund. Das langsame Ballverschieben unter Van Gaal scheint ferne Vergangenheit und in Dortmund fühlte man sich angesichts dieses neuen Angriffstils schon kopiert. Selbst wenn das stimmte: Die Bayern heben sich von Dortmund durch eine bessere Defensive und den besseren Kader ab. Es wird einem nicht wirklich besser zumute, wenn statt Mandzukic Pizarro (mit Abstrichen auch Gomez) spielt. Erst durch eine große Anzahl von Umstellungen (es wäre sicherlich der Zeitpunkt einem Starke, Contento – falls genesen – und Tymoshchuck Spielpraxis zu geben. Auch Gustavo oder Rafinha wären denkbare Wechsel) könnte sich eine Schwächung der Bayern ergeben, da dann die Eingespieltheit des Kollektivs leidet. Ob Heynckes aber wirklich eine B-Elf auf den Rasen schickt, oder nur an einigen Stellschrauben dreht, bleibt abzuwarten.

Beim Glubb sind derartige Wechselspielchen jedenfalls nicht zu erwarten. Höchstwahrscheinlich wird Coach Michael Wiesinger wieder auf die eingespielte Formation und Aufstellung setzen.

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Vermutlich werden wir auch in München im bekannten 4-1-4-1 antreten.

Wichtig wird sein, wie man dieses System spielt. Im Interview direkt nach dem Spiel gab der Trainer an, dass es nicht in seinem Sinne (und nicht seinen Anweisungen entsprechend) war, wie tief wir gegen Mainz standen. Früher attackieren, gut die Passwege gemeinsam zustellen und auf frühe Ballgewinne setzen und diese dann präziser und abgeklärter spielen, das ist die Marschrichtung. Oder anders gesagt: Zugriff aufs Spiel bekommen. Gleichzeitig muss je nach Situation auch geschlossen verteidigt werden, auch Alex Esswein muss dann ab und an den Fokus darauf richten, so wertvoll er für die Offensive auch ist – einen Verzicht auf ihn kann sich der Glubb keinesfalls leisten, einen Verzicht auf mannschaftliches Verteidigen aber auch nicht.

Summa summarum: Bayern hat die Spieler, den Trainer und die charakterliche Festigkeit, auch jetzt nicht nachzulassen. Also, auch wenn ich dafür ins Phrasenschwein einzahlen muss, den perfekten Zeitpunkt zum Bayernbesiegen gibt es nicht, man muss ihn sich erarbeiten. Der Glubb muss aus dem Mainzspiel lernen und wieder höher und agressiver Pressing spielen, den Erfolg dieser Agressivität konnte man an den Reaktionen nach dem Hinspiel ja bereits ablesen. Wenn dann noch die Klinge Standards nicht stumpf bleibt, ist auch in München etwas drin.

Bildquelle: ClubTV

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2 Kommentare zu Westblick #20: Der perfekte Zeitpunkt zum Bayernbesiegen?

  1. tobi sagt:

    Wenn man sich die Bank der Bayern so anschaut, denke ist nicht, dass es eine große schwäche ist, wenn Spieler aus der „B-Elf“ spielen. Die wollen doch auch zeigen, dass sie was drauf haben und sind Top motiviert(um in die Stammelf zu kommen). Das könnte für uns zum Nachteil werden…
    Ansonsten schön geschrieben!
    Mit einem guten Tag und etwas Glück ist ein Punkt machbar.

  2. Exilfrange sagt:

    Lieber tobi, da bin ich durchaus deiner Meinung was Qualität und Motivation angeht. („Bay­ern hat die Spie­ler, den Trai­ner und die cha­rak­ter­li­che Fes­tig­keit, auch jetzt nicht nach­zu­las­sen.“) Was aber definitiv nicht ausbleibt, wenn man beispielsweise 7 mal wechselt wie Dortmund gegen Augsburg, dass das blinde Verständnis, die Eingespieltheit einfach leidet. Es ergeben sich dann Abstimmungsprobleme, die eine Schwächung der Mannschaft darstellen. Das heißt nicht, dass die Einwechselspieler gleich viel schlechter sind oder nicht zeigen wollen würden wos lang geht. Auch ein „geschwächter“ FCB wäre noch immer brandgefährlich. Zudem ist gar nicht gesagt, dass Heynckes gleich so oft wechselt. Vllt dreht er nur an ein paar Stellschrauben und hält das Gros der Mannschaft im Rhytmus. Deswegen seh ich das mit dem günstigen Zeitpunkt kritisch, genau wie Wiesinger. Es liegt nach wie vor an uns selbst, wir müssen es ihnen schwer machen, nicht hoffen dass sie es uns leicht machen.

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