Westblick #15: Risikospiel

Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

Mein Blick vom tiefen Westen der Republik auf das Geschehen in Nürnberg

Vor uns liegt ein echter Brocken. Der SC Freiburg ist sicher kein Lieblingsgegner des 1.FCN. 8 Niederlagen bei nur 3 eigenen Siegen und 4 Unentschieden stehen gegen die Breisgauer zu Buche. Nach den Bayern und dem BVB hat sich der SC zu unserer drittschlimmsten Angstbegegnnung gemausert. Seit 7 Spielen gelang uns bereits kein Sieg mehr, der letzte Erstligasieg stammt noch aus 2005. Neben dieser jüngeren Vergangenheit schreckt auch die fernere; natürlich denken wir noch alle an das 1:2 ’99. An Frank Baumann, an die Frankfurter und an die Schaltung zum Abgrund, ins Frankenstadion. Auch dieses Wochenende läd das Achteck, zum dritten Mal seitdem offiziell umbenannt, wieder zum Tanz. Die Gegneranalyse zeigt: Freiburg ist in der Lage Torgefahr zu bereiten und das zu jedem Zeitpunkt. Auch bei einem Rückstand wie jetzt im Pokal gibt sich die Mannschaft nicht auf, hat zudem mit Caligiuri, Kruse, Makiadi oder Schmid antritts- und gedankenschnelle Spieler, die durch Ballsicherheit und Kreativität glänzen. Defensiv sind sie mit Krmas und Diagne eingespielt, der zurückgekehrte Ginter hilft seit Neuestem auf der Außenbahn überzeugend aus, bzw. ist ebenfalls ein Startelfkandidat für die Innenverteidigung. Es wird kein Spaziergang, aber Freiburg wird sich mit ihrem momentanem Selbstbewusstsein auch nicht hinten reinstellen, sondern die Attacke suchen. Dies bringt uns in die glückliche Ausgangslage, nicht selbst das Spiel gestalten zu müssen, sondern unser Pressing spielen zu können.

Genauso wichtig ist es aber auch, einen Plan B in der Tasche zu haben. Was passiert, wenn wir in Rückstand geraten? Nun, in den letzten Spielen war zu erkennen, dass wir uns dann schwer tun, aber eine gewisse Kaltschnäuzigkeit haben, sollten sich doch Chancen ergeben. Nicht auszudenken was passieren würde, wenn man diese kombinieren könnte mit eigener Passsicherheit und Kreativität, wodurch sich dann mehr Chancen ergäben. Es reicht nicht, sich immer mit dem Unentschieden zufrieden zu geben, auch wenn 34 Punkte diese Saison wohl wieder einmal den Klassenerhalt bedeuten werden. Es gibt zudem einiges gutzumachen aus dem Hinspiel, als uns der Sportclub mit 3:0 des zwergenhaften Spielfeldes verwies. Defensiv mit Aussetzern und Unkonzentriertheiten gab es offensiv die komplette Ödnis, nimmt man eine schöne Einzelaktion Polters einmal aus. Zwar fielen das 2:0 und 3:0 beide in der Nachspielzeit, aber war der Glubb zu keinem Zeitpunkt am Drücker, kaum Entlastung, keine Ideen und immer wieder Freiburger Konterspiel. Falls es ein Beispiel bräuchte, wie man es gegen die Sonnenanbeter nicht macht, bräuchte man also nicht in die Ferne schweifen. Spielerische Armut im Mittelfeld, Unkonzentrationen in der Verteidigung, mangelnde Alternativen für die Außenverteidiger und immer wieder unseelige Flanken aus dem Halbfeld auf eine gut gestaffelte gegnerische Verteidigung. All das sind Probleme, die wir immernoch mitschleppen und die auch der neue Trainer nicht abstellen konnte. Bisher hat dieser eher vorsichtig versucht, Dinge zu verändern. Er hat die Mannschaft aggressiver eingestellt. Sie steht jetzt höher und attackiert aggressiver. Dadurch ergeben sich bei Ballgewinn bessere Möglichkeiten eine eben nicht geordnet stehende, sondern für den Moment unsortierte, gegnerische Verteidigung in Schwulitäten zu bringen. Trotzdem krankt es weiter an der Torausbeute (6 in 6 Spielen im Vergleich zu 17 in 17 Spielen unter Hecking) und defensiv ist es mit der Stabilität der vorigen Jahre auch nicht mehr weit her. Sowohl unter Hecking (22 in 17 Spielen) als auch Wiesinger (8 in 6 Spielen) klingelt es weiterhin zu oft. Positiv kann man bisher herausziehen, dass es nicht bergab gegangen ist, seit uns der alte Abwehrschlachtkönig verlassen hat. Es war durchaus nicht zu erwarten, dass man in allen Belangen (auch der Punkteschnitt sieht nach jeweils 6 Partien bei jeweils 7 Punkten gleich aus, auch Heckings 20 Punkte in 17 Spielen entsprechen diesem) würde das Niveau halten können. So stehen die Zeichen weiterhin klar auf Klassenerhalt. Zudem sind wir neuerdings schwer zu schlagen. Gleich mehrfach kamen wir nach Rückständen zurück. Was fehlt ist der letzte Biss, das letzte Risiko dann auch klar auf Sieg zu spielen. Trotzdem punkten wir nun konstanter als unter Hecking, als es immer wieder Leistungseinbrüche und unerklärliche Phasen ohne Punkteerfolg, sowie andersherum starke Wochen mit Punktesegen gab. Für die Frankenseele ist das stetige Punkten jedenfalls gesünder und eine gute Ausgangslage, noch eine Schippe draufzulegen.

Angesichts all dessen scheint das kommende Spiel der richtige Zeitpunkt zu sein, die Vorsicht ein wenig abzulegen. Es ist Zeit das Risiko zu gehen, mehr zu wollen. Dabei wird die Partie sicher auch zum Gradmesser, inwieweit dieser Weg weitergegangen wird. Wiesinger befindet sich noch immer unter Beobachtung, die momentan aufkommenden Gerüchte um Stevens tun dabei ihr Übriges. Sie mögen zwar letztlich sich als substanzlos erweisen, (fußen sie bis hierher nur auf einem Treffen mit dem Berater Stevens – und der hat schließlich auch noch mehr Klienten, genauso könnte es um einen Spielertransfer gehen) oder aber einen wahren Kern beinhalten, nämlich dass man für den Fall dass das Experiment Wiesinger schiefgeht, vorbaut. Zu diesem Zeitpunkt sind sie aber schädlich und ohne Bedeutung für die Gegenwart. Sollten wir aber beispielsweise die nächsten 2 Partien verlieren, wird der Name Stevens wie ein Damoklesschwert über Wiesingers Kopf kreisen. So oder so, um sich als Coach zu etablieren braucht er Siege. Und für die muss man eben auch bereit sein Risiken einzugehen. Werfen wir also einen hypothetischen Blick auf Veränderungen, die der Coach anlässlich dieser Anforderung vornehmen könnte. Dies stellt – anders als immer mal wieder verwendete doppeldeutige Artikeltitel – ein Novum im Westblick dar. Bisher habe ich hier Aufstellungen und Taktiken präsentiert, die wahrscheinlich waren. Was folgt, ist eher eine Wunschaufstellung.

Aufstellung Stuttgart

Die Startaufstellung vom letzten Spieltag

Als Ausgangslage nehmen wir die Aufstellung des vergangenen Spieltags und beginnen mit der Defensive: Klose kehrt zurück, wodurch Simons wieder ins Mittelfeld rückt.
Der Oldie und Dauerbrenner in einer Person wird dort als Stabilisator und Risikominderer gebraucht, denn auch wenn man sich eine noch mutigere Spielweise wünscht, kann das Ziel kein Harakiri sein. Neben Klose und Nilsson wird links wie gewohnt Pinola verteidigen. Rechts fällt Kollege Chandler aufgrund einer Gelbsperre aus. Für ihn gibt es gleich mehrere Szenarien ihn zu ersetzen. Beginnen wir mit der sichersten: Man könnte Markus Feulner wieder als Rechtsverteidiger bringen. Er hat dort schon mehrfach und solide ausgeholfen. Das hieße aber auch, dass man sich nach vorne einer der wenigen torgefährlichen Spieler berauben würde. Erst letzte Woche hat uns Feulner wieder einen Punkt gerettet. Die zweite, bereits ausprobierte Variante wäre Balitsch. Dieser hat dort bisher einmalig ausgeholfen, wobei er ein sehr durchwachsenes und eher unsicheres Bild hinterließ. Die Außenposition ist für Spieler mit begrenzter Schnelligkeit nun einmal nicht der beste Platz. Drittens könnte man Plattenhardt auf rechts bringen, immerhin ist er gelernter Außenverteidiger, wenn auch eher links zu Hause. Dann könnte man als letzte Option noch Mike Frantz von der Position im rechten Mittelfeld (dort hat er letzte Woche gespielt) um eine Position nach hinten versetzen.
Von diesen Lösungen favorisiere ich die mit Marvin Plattenhardt. Dies ist darin begründet, dass wir Feulner anderswo brauchen, Balitsch allgemein eine Pause nicht schlecht täte und er bei seinem Auftritt auf rechts nicht gut aussah. Mike Frantz fiel zwar in letzter Zeit in der Offensive weniger auf sondern tat sich eher durch gutes Pressing und Arbeit gegen den Mann hervor, was ihn durchaus als Rechtsverteidiger infrage kommen lässt, seine Zweikampfführung ist aber oft grenzwertig was weiter vorne weniger ins Gewicht fällt als es wohl in der Nähe des Strafraums der Fall wäre. Jede der Optionen hat seine Vor- und Nachteile, sieht man die Position des Rechtsverteidigers isoliert vom Gesamten, wäre Feulner wohl auch die beste Wahl. Da aber das große Ganze nun einmal entscheidend ist, wäre ich für Plattenhardt und Feulner könnte seine Kreise wie gehabt als „8er“ ziehen.

Wunschaufstellung Freiburg

Risiko das sich auszahlt? Meine Wunschaufstellung für das Match gegen Freiburg

Neben ihm sähe ich gerne Ildiz, der in seinem Kurzauftritt und im Training andeutete, spielerisch eine andere Hausnummer als Balitsch zu sein. Bei aller Sympathie für diesen; was er in letzter Zeit anbot war schlicht zu wenig. Das Pressing war in Ordnung, das stimmt, aber seine Fehlpässe mehrten sich und ansonsten ging er der Verantwortung und dem Ball eher aus dem Weg. Von einem, der mit Führungsanspruch zu uns kam und der immerhin Vizekapitän ist, erwartet man einfach mehr. Er hatte nun über Wochen und Monate die Chance, sich aus seinem Tief herauszuarbeiten, jetzt ist es Zeit mutig auf einen jungen Spieler zu setzen, das Risiko einzugehen und am Ende hoffentlich davon zu profitieren. Damit sind wir bereits mittendrin in der Erörterung der Mittelfeldbesetzung. Da ich erwarte, dass wir gegen Freiburg wieder im 4-1-4-1 antreten, bleiben neben Simons, Ildiz und Feulner noch 2 Positionen offen. Auf der Außenbahn bieten sich Kiyotake, der im Zentrum wider Erwarten letzte Woche mehr Probleme als außen hatte, da er konsequent gedeckt wurde, sowie Rückkehrer Mak an. Einwechselalternativen stehen mit dem zwar kämpferisch engagierten, aber technisch limitierten Frantz sowie Timo Gebhart, der wohl nach Wiedereinstieg ins Training noch kein Startelfkandidat ist, Alexander Esswein und Mu Kanazaki in Hülle und Fülle bereit.

Bleibt noch die Position des Stürmers zu klären. Polter oder Pekhart, Pekhart oder Polter. Besonders viel nehmen sich die beiden nicht. Der eine ackert ein wenig mehr, der andere ist einen Schuss kaltschnäuziger. Beide sind sich sehr ähnlich, was die taktischen Optionen des Trainers auch sehr einschränkt. Dies sollte für den Sommer unbedingt angegangen werden, für jetzt sehe ich Pekhart als den besseren Starter, oder andersrum gesagt: Polter ist der bessere Joker. Deshalb hier die Entscheidung für „Pekki“.

Es bleibt abzuwarten, ob sich Michael Wiesinger traut, eine auf gleich 2 Positionen („Platte“ und „Mo“) risikoreich besetzte Mannschaft ins Rennen zu schicken. Auch wenn das Phrasenschwein noch so dick wird, bleibt mir aber doch nur festzustellen, dass „wer nicht wagt, auch nicht gewinnt“ und das es wirklich Zeit wird den Schritt aus den ständigen Unentschieden zu wagen.

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2 Kommentare zu Westblick #15: Risikospiel

  1. Sillygolfer sagt:

    Die „Wunschaufstellung“ gefällt mir sehr gut!! Nur denke ich, dass das für Wiesinger zu viel Riskio darstellt und befürchte Feulner oder Balitsch als Chandler-Ersatz…

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