Die Schande als Chance?

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Mein Blick auf die Glubbwelt

Zur Personalie Dieter Hecking wurde eigentlich schon alles gesagt und deshalb möchte ich mich zu diesem Punkt so kurz wie möglich halten. Als Fußball-Fan neigt man dazu ehemaligen Angestellten – seien es nun Spieler oder Funktionäre – bei einem Wechsel Charakterschwäche zu unterstellen. Einer rationalen Betrachtung halten diese Beschuldigungen nur selten stand – was sie aus Fan-Sicht jedoch nicht minder verständlich macht. Was hingegen Dieter Hecking nun bereits zum zweiten Mal gemacht hat – einem Verein während der laufenden Saison den Rücken zu kehren – hat sich den Begriff Charakterschwäche redlich verdient.

Dennoch bin ich nicht niedergeschlagen oder blicke ängstlich in die Zukunft. In seiner gesamten Trainerlaufbahn hat Dieter Hecking gezeigt, dass er um jeden Preis nicht verlieren möchte. Die Angst vor Niederlagen bestimmte die Spielweise seiner Mannschaften und aus ihr entwickelte sich die Furcht vor offensiven Systemen. Auf diese Art und Weise werden Abstiegskandidaten über dem berühmten Stricht gehalten und alle höhergreifenden Ambitionen langfristig begraben. Ich behaupte, dass der Wechsel von Dieter Hecking zum VfL Wolfsburg – so niederträchtig er auch sein mag – eine wichtigen Schritt in der Entwicklung des Glubbs darstellen kann. Die Chancen, die sich daraus ergeben, möchte ich im nachfolgenden darstellen:

1. Die Defensive

Wer sich mit Fußball beschäftigt, wird früher oder später unweigerlich mit dem Begriff „ballorientierte Verteidigung“ konfrontriert werden. Was hat das zu bedeuten? Es bedeutet, dass sich die verteidigende Mannschaft in Richtung des ballführenden Gegenspielers verschiebt um Überzahl in Ballnähe zu schaffen und auf diese Weise Anspielstationen zu decken, bzw. den ballführenden Spieler unter Druck zu setzen. Das Ziel dieser Vorgehensweise ist die rasche Balleroberung möglichst nahe am gegnerischen Tor. Das ist kein neues Konzept und wurde bereits 1998 von Ralf Ragnick in einem Interview im Sportstudio dargelegt. Jetzt zu meiner Frage: Verteidigte der Glubb unter Dieter Hecking ballorientiert? Nein! Unsere Mannschaft zog sich für gewöhnlich bis hinter die Mittellinie zurück und war um Raumverknappung bemüht. Das primäre Ziel war nicht die eigene Balleroberung sondern die Blockade des gegnerischen Spiels. Im Normalfall gewann unsere Mannschaft weit in der eigenen Hälfte den Ball und hatte Probleme diesen schnell in die Nähe des gegnerischen Strafraums zu bringen. Das Vertedigungskonzept von Dieter Hecking war gekennzeichnet von Verneinung und Passivität und sah nicht die aktive und aggressive Balleroberung vor um selbst Tore zu erzielen. Ich erhoffe mir von unserem neuen Trainer Michael Wiesinger, dass er (I) weiter aufgerückt, (II) aggressiver und (III) ballorientierter verteidigen lässt.

2. Der Spielaufbau

Über das Dilemma im defensiven Mittelfeld des Glubbs wurde bereits viel gesprochen. Timmy Simons und Hanno Balitsch waren unter Dieter Hecking äußerst defensiv ausgerichtet und beide waren im Spielaufbau nicht existent. Ob es sich dabei um individuelle Schwächen handelt oder ob sie ihre Rolle entsprechend der Spielphilosophie von Dieter Hecking interpretieren wird die Zukunft zeigen. Fest steht jedoch, dass mindestens einer der beiden Spieler auf der Doppelsechs eine verbindende Rolle zwischen Verteidigung und Angriff einnehmen muss. Mit Feulner und Klement, dem teilweise eine große Zukunft prophezeit wird, stehen zwei Spieler bereit die potentiell diese Rolle ausfüllen könnten, jedoch sollte auch eine externe Lösung in Betracht gezogen werden. In jedem Fall muss sich das defensive Mittelfeld besser als Anspielstation für Pässe aus der der Abwehr heraus anbieten und selbst mehr vertikale Pässe spielen.

Das Hinterlaufen der Außenverteidiger erwies sich häufig als undurchdacht. Zu oft schleppten diese selbst den Ball bis an die Grundlinie und waren dadurch leicht zu verteidigen. Zukünftig sollten sie sich schneller vom Ball trennen und mit Tempo in den freien Raum starten. Als Konsequenz wären nach innen ziehende Außenstürmer wesentlich schwerer zu verteidigen, da ihnen immer noch die Option bliebe auf die hinterlaufenden Außenverteidiger zu passen. Kämen die Außenverteidiger dann an den Ball hätten sie durch die nach innen gezogenen Außenstürmer sehr viel Platz und die Möglichkeit in Richtung des Strafraums zu starten und Pässe in den Rücken der Abwehr anzusetzen.

Generell muss der Spielaufbau dynamischer werden. Das bedeutet, dass der ballführende Spieler Unterstützung durch seine Mitspieler erfahren muss in dem sich diese als Anspielstationen anbieten, bzw. mit Läufen Lücken reißen. Die Spieler sollten sich schneller vom Ball trennen und einfache Mittel wie Doppelpässe häufiger einsetzen.

3. Die Offensive

Sind hohe Flanken auf einen zentralen Stoßstürmer zeitgemäß? Nein! In den letzten Jahren hat sich im Torwartspiel sehr viel verändert: Ein großer Prozentsatz der Flanken in den Strafraum kann von einem gut ausgebildeten Torwart entschärft werden. Bei zusätzlich zwei, in der Regel kopfballstarken Innenverteidigern, ist die Chance minimal, dass ein einziger Stoßstürmer tatsächlich an den Ball kommt und diesen noch gefährlich auf das Tor bringt. Bedeutet das, dass das Flügelspiel veraltet ist? Nein! Aber das Ziel muss es sein in den Rücken der Abwehr zu kommen (vgl. die Ausführungen weiter oben) und mit flachen und scharfen Pässen den Stürmer, bzw. die aufrückenden Mittelfeldspieler zu bedienen. Weiterhin, speziell in Systemen mit drei zentralen Mittelfeldspielern, sollte ein Großteil der Chancen aus dem Zentrum heraus kreiiert werden, immerhin leistet man sich den Luxus dreier zentraler Mittelfeldspieler eben aus diesem Zweck. Dies sollte durch Steilpässe auf einrückende Außenstürmer, bzw. durch Spielverlagerungen auf die Außenverteidiger geschehen. Das alles war im Offensivkonzept des Glubbs unter Dieter Hecking nicht vorgesehen. Der Glubb war von Einzelleistungen und Zufall abhängig und die Offensive von der Angst vor dem Ballverlust geprägt.

Was muss sich also ändern? Generell muss mehr in die Offensive investiert werden. Der Glubb muss den Ball weiter vorne erobern um besser von Verteidigung auf Angriff umschalten zu können. Das Offensivspiel muss schneller und variabler werden und das „Konzept“, Mittelstürmer nach ihrer Größe zu verpflichten, sollte hinterfragt werden.

Sollten auch nur einige der angesprochenen Punkte umgesetzt werden, dann bin ich zuversichtlich, dass wir die Rückrunde mit einem besseren Tabellenplatz beenden werden als nach der Vorrunde. In diesem Sinne: Wir dürfen gespannt sein – auch, ob der Glubb an die Kurzpasstradition der 1960er anknüpfen kann – immerhin ist das laut Jahreshauptversammlung, selbsterklärtes Ziel des ruhmreichen 1. FC Nürnbergs.

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