Westblick #9: Über Empörungswellen, Medien und einen Schuss Selbstkritik

Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

Dies ist ein Aufruf zur Kritik. Und nicht nur Fremd- sondern auch Selbstkritik. Und gleichzeitig zur Akzeptanz des Faktums, dass eben vieles relativ, ungefähr und ungewiss ist, obwohl wir uns doch wünschen es wäre klar und eindeutig.

Und bevor jemand zum „aber“ ansetzt, keine Sorge, niemand kann den Wunsch und die Suche nach Wahrheit als falsch bezeichnen. Die Suche nach Wahrheit ist etwas, was tief in uns verwurzelt ist und uns seit Jahrtausenden beschäftigt. Üblicherweise wirft sie aber mehr neue Fragen als Antworten auf.
Praktischerweise haben die Medien aber die Wahrheit inpetto. Schwarz auf weiß. Unumstößlich. Also immer! meistens! manchmal. Und je nach Medium ist die Wahrheit auch anders.
Ja es ist praktisch, Informationen aus den Medien zu beziehen. Es ist nichts falsch daran. Es ist auch normal und richtig, nicht bei jeder Nachricht, gleich eine Verschwörung, Falschmeldung oder Übertreibung zu vermuten. Zumindest wenn man sachlich kritischen Journalismus verfolgt.
Aber spätestens wenn es an die dunkelste aller Jahreszeiten des Fußballs, die Transferperiode, geht – dann ist erhöhte Wachsamkeit definitiv gefordert. Gestern erfuhren wir durch die Medien, dass Dieter Hecking die Noris verlässt. Vermutlich hat er bereits aus seinem Hotel ausgecheckt. Diese Information ist über alle Medienkanäle, auch über die offiziellen Vereinsseiten beider Seiten, gelaufen. Sie ist somit als wahr anzunehmen, bis gegenteilige Informationen auftauchen (was wohl leider nicht passieren wird). Der kritische Leser kann an dieser Nachricht nichts Verfälschstes oder Relatives erkennen, auch wenn er sich bemüht. Hier endet die harte Faktenlage aber. Niemand von uns kennt die genauen Vertragsinhalte und ganz besonders nicht die ausgehandelte Ablösesumme. Wir wissen nicht, warum Martin Bader ihm diese gewährte, ob Dieter Hecking auf eine solche drängte, ob sie eher Randnotiz in den Verhandlungen war, wie üblich derartige Klauseln in Trainerverträgen allgemein und bei kleineren Vereinen im Besonderen sind. Wir vermuten. Wir raten. Und genau dasselbe tun die Medien.
Das kann ich sagen, weil ich die Medienlandschaft einmal kritisch quer gelesen habe. Und auf ungefähr 7 oder 8 verschiedene kolportierte Ablösesummen kam. Welche dieser 7 oder 8 Wahrheiten ist jetzt die Wahrheit? Wer hier das Denken nicht aufhört wird zu dem Schluss kommen: „Keine Ahnung“. Am nächsten kommen wir der Wahrheit wohl mit Baders Aussage, die eine siebenstelligen Summe bezeichnet. Womit die vielerorts zitierten 750.000 € schonmal falsch sind, das sind 6 Stellen, nicht 7. 7 Stellen also. Also irgendwas zwischen 1.000.000 € und 9.999.999 €. Ab hier kann man wieder selber denken, kann die Aussage Baders nehmen und vermuten, dass eine Summe im obigen Spektrum wohl anders, wohl positiver beschrieben worden wäre. Vermutlich ist die Ablöse also eher im untereren Bereich der 7 Stellen anzusiedeln. Aber allerspätestens hier endet wie so oft unsere Informationslage und hier müssen wir einfach mal akzeptieren, dass wir nicht alles wissen.
Der in Nürnberg noch immer hoch geschätzte Hans Meyer sagte dazu Anfang dieses Jahres, als er im Gespräch mit ebenfalls mit Ablösesummen jonglierenden Fans war, dass man doch in der Öffentlichkeit nicht über Dinge reden solle, die man nicht überschaue: „Im Grunde genommen wenn es um Finanzen geht und um Überlegungen des Clubs geht, wann wo etwas gemacht wird, seid ihr so oft auf dem Holzweg, lasst das mal am besten weg. […] Und das was an Zahlen kommt, da bist du in einer unglaublichen Art und Weise falsch informiert […] da sollte man die Scheiße die manchmal drinsteht, nicht auch noch weiter verbreiten“. Ein echter Hans Meyer und wahre Worte.

Nicht dass ich es nicht verstünde: Wir sind Fans und Spekulieren macht Spaß. Und das ist alles in Ordnung und legitim. Aber gestern brach schon wieder ein großer Sturm der Entrüstung auf die Clubverantwortlichen los, wie man den so blöd sein könne, eine solch niedrige Ablöseumme und Klausel in einen Vertrag zu schreiben. Als hätten wir aus der Empörungswelle nach der angeblichen Komplettzustimmung zum DFL-Papier auch rein gar nichts gelernt. Diese unkritische Übernahme von Informationen aus den Medien oder von Dritten ist eine Krankheit, gegen die es scheinbar keine Medizin gibt. Wann immer es sich anbietet, wird zum Wutventil gegriffen und als Legitimation derselben halten dann sogar solche Medien her, die notorisch bekannt sind, es mit der Wahrheit nicht zu genau zu nehmen, sondern vor allem Zeitungen verkaufen zu wollen.
Das ist eine Praxis, mit der wir schleunigst zumindest sparsamer werden sollten. Wir können nicht Sachlichkeit und durchdachtes Vorgehen vom Verein verlangen und selber beides ständig in den Wind schlagen. Wir können als nichtprofessionelle Teilhaber am Fußballgeschäft sicher einen Tick emotionaler und unsachlicher sein, als es Menschen tun können, die ihr Brot damit verdienen und entsprechend auch näher an sachlichen Informationen sind. Aber auch das hat Grenzen. Und die sind nicht schwammig und ungefähr, sondern wie immer endet die eigene Freiheit da, wo sie andere Menschen in ihrer Freiheit begrenzt. Und das Recht auf Spekulation endet da, wenn man Martin Bader (der sicher auch nicht ohne Fehl und Tadel ist und hier von mir nicht zum Allheiligen erhoben werden soll) mit Zahlen angreift, die aus der Springerpresse stammen, oder zumindest keine offizielle Basis haben.

Emotionen gehören zum Fußball, aber Köpfchen schadet sicher auch nicht.
Und ja, es ist unbefriedigend, wenn man nichts genaues weiß, wenn die Ursachen für uns nicht ergründbar sind, wir aber mit den Resultaten trotzdem umgehen müssen. Wir können ja nur über Wahrscheinlichkeiten reden. Was ist wahrscheinlicher? 1) Der FCN wollte Dieter Hecking mit der Vertragsverlängerung so lang und eng wie möglich binden; der letztendliche Vertrag stellte daher so ziemlich das bestmögliche Resultat dar, was in den Verhandlungen erzielt werden konnte. 2) Beim FCN sind alle blöd und unfähig, die hätten einfach „Nein, Dieter, du kriegst keine Ausstiegsklausel“ sagen müssen, er hätte trotzdem unterschrieben. Wir wissen es nicht und das nervt. Für mich ganz persönlich ist es wahrscheinlicher, dass Möglichkeit 1) stimmt, ich verkünde sie aber nicht als unumstößliche Wahrheit, aber solange 2) nicht belegt ist, schmeiße ich auch nicht mit Dreck.

Also, denkt selber, lasst nicht für euch denken. Lasst nicht die Medien entscheiden, wann ihr euch aufregt. Wägt selber ab und versucht die Sachlichkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Dann können wir dasselbe umsomehr von den Vereinen verlangen. Aber eine Einbahnstraße ist das nicht.

Frohe Festtage
euer Exilfrange

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