„Geld stinkt nicht“ – das Fußballbusiness leider schon

 

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Der Senf schmeckt heute nicht!

Es fällt mir gehörig schwer, an so einem Tag einen halbwegs seriösen Ton anzuschlagen, wo sich so viele Emotionen gerade vermischen – Emotionen, die ich heute gegen 12 Uhr mittags noch gar nicht für möglich gehalten hätte. Da freut man sich auf einen ruhigen Samstag, endlich mal Zeit, so kurz vor Weihnachten noch ein neues Buch zu lesen, die Bude aufzuräumen und ein wenig die letzten Wochen Revue passieren zu lassen. Dann schaut man ins Forum, und Dieter Hecking ist nicht länger Trainer des 1. FC Nürnberg. Ein tiefer Schlag in die Magengrube ist hierfür wohl das passendste Bild.

Man kann zu Herrn Hecking stehen, wie man will. Mein Blogger-Kollege Chaos kritisierte ihn immer wieder für seinen ergebnisorientierten Sicherheitsfußball, der oftmals nicht schön anzusehen war, doch eines steht fest: Hecking hat dem FCN eine Konstanz verliehen, wie sie noch nicht mal der meiner Meinung nach fachlich beste Trainer der jüngeren Vergangenheit, Hans Meyer, dem Club jemals verleihen konnte. Vielleicht sahen wir nur eine Handvoll spektakulärer Spiele in genau 3 Jahren Hecking (erinnert sei an das Schützenfest gegen St. Pauli mit 4 Eigler-Toren und das 4:1 gegen Schalke letztes Jahr), aber wir sahen eigentlich nie einen schlingernden FCN, der sich von Pleite zu Pleite hangelte. Hecking konnte Schwächephasen immer mit stärkeren Phasen ausgleichen und schaffte es so, dass wir in den zweieinhalb Saisons, die er alleine zu verantworten hatte, nie auf einem direkten Abstiegsplatz notiert waren. Dafür sollten wir ihm eigentlich dankbar sein. Doch ich persönlich kann ihm nach der heutigen Entscheidung für gar nichts mehr danken.

All die positiven Aspekte, allem voran seine flammende Rede bei der Jahreshauptversammlung dieses Jahr, sind mit diesem nur finanziell nachvollziehbaren Schritt auf einmal wertlos. Wie kann sich ein Trainer über Fans beklagen, die einen Spieler nach absolut katastrophaler Leistung auspfeifen, wenn er selbst bei der Aussicht auf mehr Kohle seine Verantwortung als Vorgesetzter unserem Team gegenüber einfach mal gepflegt in den Wind schießt? Wie kann ein Fan auf solche Dinge anders reagieren als mit einer zutiefst empfundenen Wut dieser Fußballwelt gegenüber, in der Identifikation gar nichts, und Geld alles bedeutet? Wieso sollen wir Fans immer zurückstecken und auch bei den schlimmsten Graupen noch brave Zurückhaltung üben, wie es der an und für sich ehrbare Kodex für echte Fans eigentlich gebietet? Wir sehen es doch schon jahrzehntelang: Spieler, Trainer, Manager – sie kommen und gehen. Sie sind Geldsummen auf Papier, Posten in der Bilanz. Wie kann man angesichts dieser Herangehensweise dann noch, wie es Hecking tat, Loyalität gegenüber allen einfordern, wenn die Illoyalität mittlerweile gelebtes Business im Profi-Fußball ist? Ja, jetzt wohnt Herr Hecking wieder näher bei seiner Familie, ja, wir alle hätten gerne mehr Geld zur Verfügung, aber soll man dafür alle Verpflichtungen, Verbindungen und Chancen sausen lassen?

Wie Fans nämlich auch ticken – und daran möchte ich heute erinnern, wo sich schon wieder viele Glubberer gemeldet haben, die Verständnis für Hecking ob der teilweise heftigeren Kritik an seiner Person im vergangenen „Seuchen-Oktober“ zeigten – sieht man doch anhand von Fällen wie der eines Marek Mintal: Haben wir einmal das Gefühl, dass sich jemand in dieser geldgeilen Sportwelt wirklich noch mit seinem Verein, dessen Stadt und dessen Fans ehrlich identifiziert, brauchen wir nicht mal fünf Jahre, um diese Person auf ein Podest zu heben, sie zu verehren und – sogar als Auswärtiger – zum wahren Glubberer zu erklären. Wir Fans brauchen diese emotionale Seite – und auch die Vermarkter brauchen sie. Ohne Emotionen gibt es keinen Fußball, und da spreche ich mal nicht nur von Fangesängen, Choreos und aktiven Fanclubs und -szenen. Gerade Kinder und Jugendliche brauchen Identifikationsfiguren – durch sie werden sie zu Fans, aber auch zu jungen Nachwuchskickern, die „mal so werden wollen wie Mintal und Co.“ Haben wir gar keine solchen Figuren mehr, stirbt der Fußball als Volkssport und wird zur kostspieligen Business-Belustigung für Wohlhabende.

Deshalb ärgert mich Heckings Abgang so sehr. Deshalb kann ich ihm nicht mal alles Gute für seine sportliche Zukunft wünschen. Im Prinzip gönne ich ihm von ganzem Herzen einen Abstieg mit „seinem“ VfL. Hecking sagte einmal sinngemäß: „Das hier ist ein Traditionsverein, das hier ist nicht Wolfsburg!“ Er wird sich vielleicht noch an die Aussage erinnern, wenn die VW-Bosse ihn nach dem erstbesten Rückschlag wieder vor die Tür setzen werden. Das Konto mag vielleicht ein wenig dicker geworden sein, aber die Chance, wirklich langfristig etwas aufzubauen mit einem Vorstand, der wirklich zu ihm steht, mit einer charakterlich intakten FCN-Elf und mit einem deutlich verbesserten Unterbau in der Nachwuchsarbeit hat er sich selbst genommen. Er hätte sich damit als Trainer deutlich mehr beweisen können als mit einer blind zusammengewürfelten Star-Elf, die auch bei ihren Auftritten gegen unser Team eindrucksvoll bewiesen hat, dass Qualität auf dem Papier alleine keinen Erfolg garantiert.

Was mich noch beunruhigt, ist die latente Wettbewerbsverzerrung, die nun im wiederholten Fall durch Wolfsburg hervorgerufen wird: Zuerst locken die VWler Klaus Allofs von seinem bombensicheren und respektierten Arbeitsplatz in Bremen weg, um dann keine zwei Wochen später gegen Bremen zu spielen. Allofs kennt noch alle Internas über Bremens Kader, die Gehälter, die Verträge – und nimmt dieses Wissen „einfach so“ mitten im Jahr in die blasse Autostadt im niedersächsischen Niemandsland mit. Jetzt kommt mit Hecking ein Trainer zu ihnen, der unseren Club wie seine Westentasche kennt und auch über Verträge und Details bestens informiert ist. Die Gefahr, dass er sich seine „Lieblinge“ aus dem Club-Kader nachsenden lässt, ist mehr als nur mittelgroß! Gegen derartige Wettbewerbsverzerrungen müsste der DFB dringend etwas unternehmen. In Italien sind zum Beispiel Trainerwechsel in der laufenden Saison nicht ohne weiteres möglich. Wechselfristen für Trainer und Manager wären auch bei uns dringend geboten. Doch der DFB kümmert sich ja bekanntlich lieber um eine vermeintliche Gefährdung des Fußballs durch seine Fans. Heute bin ich sauer und enttäuscht. Es ist ein weiterer Mosaikstein in einem Gesamtbild, das den Fußball für mich immer unattraktiver erscheinen lässt. Ein neuer Mintal würde mir vielleicht darüber hinweghelfen, doch die werden in der nächsten Spieler- und Trainergeneration wohl noch rarer gesät sein.

Maddin, IG Zukunft

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6 Kommentare zu „Geld stinkt nicht“ – das Fußballbusiness leider schon

  1. Exilfrange sagt:

    Ich glaube schon, dass es nicht NUR das finanzielle war, die Aussicht wieder bei der Familie, statt im Hotel zu wohnen war sicher auch ein Punkt, der ihn beeinflusst hat.
    Allerdings hat er bisher immer sehr negativ über Wolfsburg gesprochen von daher ist die Nummer schon iwo fragwürdig. Zum Sommer wärs außerdem was ganz anderes gewesen als jetzt Knall auf Fall.

    Eine Menge Respekt habe ich heute für Herrn Hecking verloren. Trotzdem bin ich ihm dankbar für das, was er hier geleistet hat.
    Ich hoffe es geht jetzt nicht alles vor die Hunde, denn eigentlich verlässt er uns völlig ohne Not, hatte die Mannschaft zuletzt wieder gut im Griff und auf Kurs.

  2. Alemanne sagt:

    „Es gibt eben solche und solche….“

    Ein wirklich schön geschriebener und aus der Sicht von Fans durchaus sehr nachvollziehbarer Blogeintrag.

    Aber eines wurde hier leider vollkommen vergessen:
    Es ist nichts, aber auch nicht das geringste an Heckings Abgang überraschend.

    Mit der Behauptung will ich mich jetzt nicht als Hellseher oder Prophet outen, nein keinesfalls.
    Was ich damit sagen will ist lediglich, dass es schlicht einfach bei der Person Hecking keinesfalls überraschen kann, was passiert ist. – Und das Warum ist auch ganz schnell erklärt, dafür muss man nur zwei Trainerstationen zurück blicken, auf seinen vorletzten Trainerwechsel. Und wenn man dann noch hört, dass Hecking sich sogar eine fixe Ablösesumme im Vertrag beim FCN hat festschreiben lassen, für die er jederzeit gehen darf, dann muss man sagen war das Risiko, dass genau der jetzige Fall eintritt für den FCN wahrlich mehr als absehbar.

    Schon sein Wechsel vom damaligen Bundesligaaufsteiger Alemannia Aachen zu Hannover 96, nach gerade einmal drei Spieltagen und unmittelbar nach einem deutlichen Sieg der Alemannia über H96, lief nämlich interessanter Weise nach genau dem gleichen Schema ab. Und es wurden dabei auch damals schon genau so fragwürdig gravierende familiäre Gründe für eine Wechsel in seine Heimat in der Öffentlichkeit angegeben oder vorgeschoben.

    Und 2009 schrieb im Fanforum von H96 mal ein User mit dem Namen 1893 über Hecking ausgesprochen trefflich ein Posting mit einem einzigen Satz:
    „Wo auch immer Hecking auftaucht, er spaltet eine ganze Region!!“

    Jetzt nach Lübeck, Aachen, Hannover und Nürnberg ist halt die Region um Wolfsburg an der Reihe.
    Verwunderlich ist also wie gesagt gerade an der Art dieses Trainerwechsels überhaupt gar nichts.
    Damit war schon vor seinem Antritt in Nürnberg zu rechnen, dass Hecking genau solch einen schäbige Abschied jederzeit hinlegen kann und bei jeder Gelegenheit ohne zu Zögern tun wird.

    Man wollte es in Nürnberg, vermutlich nur all die Zeit nicht wahrhaben, dass man halt nun einmal wissentlich und wohl kalkuliert einen Trainer Verpflichtet hat, an dessen moraische Werte und Integrität man nicht einmal die geringsten Erwartungen stellen kann.

    Es gibt eben selbst im dreckigsten Geschäft durchaus auch solche und solche Trainer
    – ja und dann gibt es da eben noch diesen Dieter Hecking.

  3. Andi M sagt:

    Danke Maddin, gut geschrieben!

    Und Exilfranke: Das unterschreibe ich!!!

  4. Olymp sagt:

    DH am 28.10.2012 im DoPa:
    „Ein Angebot würde ich mir nicht anhören. Ich habe mit dem 1. FC Nürnberg einen tollen Arbeitgeber. Ich merke, der Verein steht hinter mir. Meine Aufgabe ist es, den Club ins sichere Mittelfeld zu führen. Und deswegen braucht die Anfrage an mich nicht gestellt werden.“

    Danke Dieter Hecking für 3 Jahre Bundfesligafußball! Auch wenn es für den Zuschauer nicht immer ansehnlich war, haben Sie in Nürnberg sehr gute Arbeit geleistet. Ich kann auch nachvollziehen, dass Sie aufgrund der geographischen, und sogar ein Stück weit auch der finanziellen Vorteile wegen, Ihren nächsten Schritt gemacht haben. Was mich bitter enttäuscht ist, dass Sie dies zum ungünstigst möglichen Zeitpunkt für Ihren bisherigen, sehr loyalen Arbeitgeber getan haben. Der Ihnen auch in schlechten Zeiten bedingungslos den Rücken gestärkt hat. Das enttäuscht mich zutiefst. So viel Scheinheiligkeit (siehe Ihre Aussage vom 28.10.) hätte ich Ihnen niemals zugetraut.
    Dass Sie zu einem Klub wechseln, dessen Bundeligaberechtigung sich mir nicht erschließt, der das finanzielle Fairplay mit Füßen tritt und einen fürthesken Fanbackround hat, spielt für mich dabei eine eher untergeordenete Rolle.
    Ich wünsche Ihnen für die wahrscheinlich absehbare Dauer Ihrer Tätigkeit in Wolfsburg alles Gute und stete Platzierungen hinter Ihrem ehemaligen Arbeitgeber.

  5. Christoph sagt:

    Guter Kommentar!

    Ich hab auch was geschrieben, etwas anders akzentuiert, aber in der Richtung wohl änlich: http://blog.christophgiesa.de/2012/12/wie-man-sich-mit-geld-selbst-beschert.html

    Jetzt gilt eben: Jetzt erst recht… wieder einmal.

  6. thomas sommerer sagt:

    Das Ganze ist doch im Prinzip ein gesellschaftliches Problem. Geld schafft an! Und leider bleiben dabei Stolz und Ehrlichkeit auf der Strecke.
    Die Chance bei weitem mehr zu verdienen und der Familie näher zu sein kann ich durchaus nachvollziehn. Bei der „Ehrenerklärung pro Club“ von Seiten Hecking stand er scheinbar nicht auf dem Radar. Zumindest ist mir nichts anderes bekannt.
    Und sind wir mal ehrlich – Wer hat noch nie sein Wort gebrochen oder ist innerhalb kurzer Zeit von seiner Meinung umgeschwenkt. Insofern kann ich Hecking sogar verstehen.
    Dass die ganze Angelegenheit einen extrem schalen Nachgeschmack hat steht ausser Frage. Grad weil es eben Wolfsburg ist, die ebenso zumindest im Moment um den Klassenerhalt spielen. Dabei ist der Zeitpunkt hier der Punkt. Einen vernünftigen Trainer, der zum Gehaltsgefüge zur Mannschaft und auch eine Perspektive mitbringt wird extrem schwer. Nach der Saison hätte der Wechsel sicher keinen solchen Wirbel gebracht. Und hier liegt – glaub ich – der Hase im Pfeffer.
    Erst KA aus Bremen der nicht umwerfend viel besser steht als Wolfsburg und nun der Trainer von einem direkten Konkurenten um den Ligaverbleib.
    Für mich persönlich sind solche Abwerbungen Wettbewerbsverletzung. Hier sollte endlich mal eingeschritten werden, dass eben Funktionäre nicht einfach rausgekauft werden dürfen.
    Es ist ja nicht so wie bei einer Entlassung eines Trainers, der bis Auslauf des Vertrages weiter bezahlt wird. Siehe der Schakal von Bayern München.
    Es stimmt einen nachdenklich, wenn Vereine wie Wolfsburg einen solchen Weg einschlagen um direkte Gegner zu schwächen. Und es stimmt einen nachdenklich wenn Konzerne wie VW immer mehr in den Sport eingreifen. Zumindest Leverkusen hat hier seine Lektionen gelernt.
    Wie gesagt – Hecking an sich kann ich keinen Vorwurf machen. Für doppelten Lohn würden wohl wir alle wechseln. Das was Sorgen macht – ist eben die Tatsache, dass Konzerne wie VW einfach glauben sich über jegliche Moral und Anstand hinweg zu setzen. Wenn das Schule auch im Sport macht. Dann Gute Nacht.

    Ich wünsch allen Clubberern Schöne Weihnachten und nen Guten Rutsch

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