Die Mär vom sicheren Stadionerlebnis

Mit einem Tag Abstand, so dachte ich, sei es mir möglich einen objektiven Kommentar zu den Ereignissen rund um die letzten Wochen zu schreiben, die gestern in der Unterzeichnung des neusten Gassenhauers des Repressionsapparats mündeten – dem DFL Papier zum sicheren Stadionerlebnis.

Aber objektiv? War überhaupt irgendetwas an dieser ganzen Debatte objektiv? Es wurde und wird knallhart gelogen, benutzt, überzeichnet, karikiert und sich empört und brüskiert. Hintergründe und kritische Fragen wurden von den Medien abseits der unabhängigen Fanportale eigentlich erst gestern so richtig aufgegriffen, um dann heute wieder zur Tagesordnung über zu gehen – nicht aber ohne zu vergessen, beide Seiten (also auch die Fans) zur Sachlichkeit zu ermahnen. Im Hinblick darauf, dass die Sport 1 Debatte um die Sicherheit in Deutschen Stadien erst wieder im TV unter anderem mit Bildern von wilden Pyroshows aus Kroatien und Italien hinterlegt wurde und eine vermeintliche Schlägerei unter Bayernfans gezeigt wurde, die anhand der Klamotten geschätzt wohl Ende der 90er Jahre datiert werden kann (also in einer Zeit, in der der Einfluss der nun so verteufelten und verterrorisierten Ultras Bewegung keinesfalls so immens war, wie er mittlerweile durch beständige Arbeit gewachsen ist) wäre es für die Medien schon lange angebracht gewesen selbst einen sachlichen Ton zu finden und nicht munter wahllose Schlagzeilen von Terror und Bedrohungen in den Fußballtempeln der Bundesliga zu kreiren. Der Aufruf der in den allermeisten Fällen unsachlichen Medien zur Sachlichkeit gleicht also schon mal einer Farce!

Nun, um zum Thema zurückzukommen: was wurde da gestern eigentlich beschlossen und warum finden das so viele Menschen so schlimm? Ich denke, um das darzustellen, muss man mehr betrachten, als nur das beschlossene Papier, man muss den kompletten Werdegang sehen und zwar aus Sicht eines Fans. Vor Monaten schon arbeiteten Herr Peters

Peter Peters

Peter Peters

mit einer Arbeitsgruppe, die sich innerhalb der DFB und DFL selbst fand an einem Konzept, mit dem man möglichst öffentlichkeitswirksam die Handlungsfähigkeit der Verbände und Vereine herausstellen und so die Politik, die sich augenscheinlich für diese Wahlperiode unter anderem Dieses Thema ausgesucht hatte, zu befrieden.

Entgegen der Aussage „wir stellen das online, so wie wir das schon immer getan haben“ gestern auf der DFL Pressekonferenz stand die erste Fassung des Papiers übrigens nicht online, sondern sickerte zu den Fanszenen durch – hier wurde also bereits der erste gravierende Fehler gemacht und ein guter Nährboden für Misstrauen und Ablehnung gelegt. Heimlichtuerei steht nicht nur Projekten die abertausende Bürger, in diesem Fall Fußballfans, betreffen nie gut zu Gesichte!

Es folgte ein Aufschrei in der breiten Masse der Fans und eine interessante Entwicklung. Entgegen dem allgemein gezeichneten Kurvenbild vom „Gut und Böse“ und dem immer wieder genannten Zieles einer Spaltung der Kurven erfolgte ob der nun auch für die breite Masse offensichtlichen Ungerechtigkeit makroskopisch gesehen eine starke Solidarisierung der meisten Fanlandschaften in der Bundesrepublik. Die Ultraszenen zeigten getreu dem Motto „getrennt in den Farben, in der Sache vereint“ und unter dem Banner „Keine Stimme, keine Stimmung“ eine große und beeindruckende, über Wochen andauernde völlig gewaltfreie Protestaktion. Noch weitaus interessanter finde ich allerdings die Solidaritätsbekenntnisse im Mikrokosmos Nordkurve. Menschen, die eigentlich bisher wenig bis gar nichts mit der aktiven Fanszene in Berührung kamen, oder diese sogar ablehnten solidarisierten sich offen und lautstark (bzw. in diesem bestimmten Fall still) mit den Ultrasgruppen in Nürnberg. Ähnliche Bilder waren in fast allen Bundesligastadien zu sehen. Obgleich viele Kurvengänger also gegen Pyro, gegen die sogenannte Mentalita Ultra sind und sich zum Teil gerade noch im Streit mit hiesigen Gruppen befanden, wurde die Wichtigkeit der Proteste gegen dieses Papier anerkannt und sich solidarisiert. Ein älterer Herr sagte mir in der Nordkurve: „Egal, was ich von denen da unten [Anm.: im Stehplatzblock, wir befanden uns im Oberrang] halten mag, so muss sich niemand behandeln lassen.

Einher mit diesem Protest wurde vielerorts von den Fans auch „echter Dialog“ mit dem Verein gefordert. Vorbildlich wäre selbiger bei uns gelaufen, hätte der 1. FC Nürnberg nicht mit einer Fehlinterpretation des großen Gespräches zur ersten Version des DFL Papiers in einer Pressemeldung geglänzt und so wieder Misstrauen erschaffen, dass durch das Gespräch „auf Augenhöhe“ abgebaut werden konnte. Dennoch: Beide Vorstände des 1. FC Nürnberg haben Gespräche mit der Fanszene nicht gescheut und unsere Meinungen auch akzeptiert – darüber zu reden, in wie fern diese Meinungen und Forderungen in die Ligaverbands-Sitzung am 12.12.2012 eingebracht wurden, wäre Spekulation und somit sinnlos. Die IG Zukunft hat bereits gestern nach einer ausführlicheren Stellungnahme des Vereins zu den abgelehnten und angenommenen Punkten gebeten, die leider bisher unbeantwortet blieb. Ich hoffe nach wie vor auf ein etwas detaillierteres und auch kritisches Resümee der gestrigen Verbandssitzung aus der Vorstandsetage des Clubs.

Am 11.12.2012 dann der Eklat – entgegen allen Gesprächen mit Fanvertretern veröffentlichte der 1. FC Nürnberg aus heiterem Himmel eine Pressemeldung, in der verlautet wurde, dass Martin Bader dem Sicherheitspapier (und somit allen Punkten) mehr oder weniger vorbehaltslos zustimmen wird. Ich weiss wirklich nicht, was da falsch gelaufen ist, jedenfalls hat diese Meldung einen Flächenbrand unter den ohnehin angespannten Gemütern von Fans jeglicher Coleur entfacht. Telefongespräche, SMS und eMail Ketten bildeten sich, mit aufgeregten Gemütern und beschwichtigenden Stimmen. Diese – augenscheinlich wohl falsche (?!) – Pressemeldung wurde bis Mittwoch um 14 Uhr nicht berichtigt. Zwischenzeitlich spielten sich unschöne Szenen in Frankfurt ab – ein Polizist schlug hierbei einen Fan, der Martin Bader bzgl der Pressemeldung zur Rede stellen wollte, die Szene war abends in Sport 1 zu sehen. Ich frage mich wirklich, ob die internen Kommunikation im Verein hier etwas aus dem Ruder gelaufen war, denn von

Ralf Woy und Martin Bader Quelle: fcn.de

Ralf Woy und Martin Bader Quelle: fcn.de

Martin Bader bin ich einen sensibleren Umgang mit Pressemeldungen gewohnt.

Der Schock an diesem 12.12.2012, als Ligapräsident Rauball um ca 16 Uhr vor die Presse trat und verkündete, dass alle Anträge mit überwältigender Mehrheit angenommen wurden, traf die Fans äußerst tief . Gleichzeitig besaß er noch die ausgesprochene Frechheit zu behaupten, dass der Fankultur dadurch in keinem Fall geschadet würde. Eine dreiste Lüge ins Gesicht jener, die die Entwicklungen im Deutschen Profifussball hinterfragend beäugen und sich schon längst kritisch zu bestehenden Entwicklungen äußern, die nun noch verstärkt werden sollen. Seit Jahren wird die Landschaft und die „Kultur“ um den Fußball maßgeblichst verwässert und verändert – federführend dabei ist unter anderem Rauball selbst. So besucht man bei einer Auswärtsfahrt beispielsweise schon lange keine Stadt mehr. Anstatt Kneipen, Innenstädte und Biergärten zu besuchen, sich die Stadt anzuschauen (und ja! Das wurde durchaus gemacht und zwar nicht selten!) wird man nun in einem Trichter aus kläffenden Polizeikötern (diese Hunde haben dieses Jahr übrigens schon mehr Kinder schwer verletzt als der Fußball in den letzten 25 Jahren) und schwarz uniformierten Einsatztrupps in irgendwelche käfigartigen Gästeparkplätze geschleust. Von dort aus gehts – in Zukunft eventuell sogar mit vorherigem Besuch im Nacktzelt – in die komplett videoüberwachte Einheitsarena, die alle zwei Jahre einen neuen Sponsor sucht und meist auch findet. Abfahrt wieder durch die Trichter, auch in Zukunft ohne Nacktzelt, aber vielleicht erst um 3 Uhr morgens, weil ein ganzer Fanclub wegen irgendeines Vorfalls in Sippenhaft gesteckt wurde, oder zumindest ein Mitglied wegen irgendeiner Bagatelle inhaftiert wurde. Überzeichnet? Keinesfalls! Denn das sind unter anderem Punkte, die gestern „mit Prozentzahlen um die 90%“ bestätigt wurden. Und auch wenn solche Szenarien „nur theoretisch möglich sind“, so bin ich mir sicher, dass Vereine wie Bayern München Ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen werden – egal ob es dazu einen konstruierten Sonderfall benötigt oder nicht.

Fakt ist: Allein die Möglichkeit der Reduzierung eines Kartenkontingents – und wenn sie noch so theoretisch sein mag – ist ein Schlag ins Gesicht. Apropos: Geschlagen geben mussten sich gestern vor allem diejenigen Fans, die auf den Dialog und auf friedliche und ruhige Debatten gesetzt hatten. Denen sind nämlich durch diese überwältigende Mehrheit für alle Anträge, also für Vollkontrollen, für Kontingenteinschränkungen, für den Fankodex gestern auf einen Schlag alle Argumente gegenüber den Hardlinern unter den Fans ausgegangen. Ich will hoffen, dass die Szene sich weiterhin auf einen friedlichen, sauberen Protest besinnt. Geschieht das immer noch, so sehe ich die Fans in Deutschland als klaren Gewinner. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, was in den letzten Wochen und Monaten erreicht wurde. Die Szenen haben Ihre Handlungsfähigkeit und Ihre Reife eindrucksvoll vor der ganzen Fußballgemeinde unter Beweis gestellt. Neuerdings werden Talkrunden nicht mehr einseitig sondern – wie gestern zu sehen – mit einem 50/50 Pro und Contra Gastanteil besetzt. Noch vor kurzer Zeit wäre ein Fananwalt wie Herr Peisl niemals zu einer solchen Debatte geladen worden. Und wenn doch, dann nur in hoffnungsloser Unterzahl. Ein Journalist fährt im Sonderzug mit Auswärts und beschreibt seine Erlebnisse in einem Artikel, der für Furore sorgt. Das ursprüngliche Konzept musste aufgrund des enormen Drucks, den die Fans in der Öffentlichkeit erzeugt haben, gekippt werden. So schlimm es ist, dass dieses Konzept gestern mit Beifall durch gewunken wurde, so klar ist es auch, dass wenn jetzt weiterhin so besonnen und durchschlagskräftig agiert wird wie bisher, auf keinen Fall mehr Beschlüsse ohne Fans gefasst werden dürfen und

12:12 - Fanprotest gegen das Sicherheitspapier

12:12 – Fanprotest gegen das Sicherheitspapier

können. Wir haben uns durch diesen hervorragend geführten Protest in den Medien endlich ein objektives Gehör verschafft, auf das wir so lange pochen mussten.

Aber eins sollte uns allen auch klar sein: Das Ende der Fahnenstange ist jetzt noch lange nicht erreicht. Es wird neue Vorfälle geben, vielleicht sogar erst aus Trotz gegenüber dem den Vereinen und der Art und Weise der Bevormundung durch das umstrittene Papier. Dann werden sogleich neue noch bahnbrechendere Forderungen von der Politik kommen und die DFL mit samt Ihren Vereinen hat gestern eindrucksvoll bewiesen, wie leicht sie davor einknickt – logisch, warum auch nicht? So wird das Ziel einer endgültigen Kommerzialisierung und Standardisierung des Deutschen Stadionbesuchers schnell und effektiv durchgesetzt und dazu kann man die „Schuld“ dafür zumindest teilweise auf die Politik abwälzen.

Doch, diese Beschlüsse werden dann nicht mehr ohne die unangenehmen Fans hinter verschlossenen Türen stattfinden können. Es liegt in unserer Hand! Denn sie haben mit Vielem gerechnet: Mit Spruchbändern, mit Schmähgesängen, mit Protestmärschen, vielleicht auch mit „Jetzt erst recht“-Pyroshows…aber nicht damit, dass wir unsere stärkste Waffe einsetzen: Wir verweigern durch unser Schweigen unseren Anteil an „ihrem“ Fußballerlebnis. Reclaim the game! Zeigt Ihnen, wie sehr sie auf uns angewiesen sind!

 

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