Interview mit Chris Ehrenberg

Chaos: Hallo Chris, eigentlich wollten wir dieses Interview im vergangenen Jahr zur gleichen Zeit machen. Doch es kam etwas dazwischen und du musstest deine Kandidatur aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen. Wie geht es dir jetzt, hast du dich gut erholt?

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AR-Kandidat Chris Ehrenberg

Chris Ehrenberg: Kurz und knapp: Herz, Blutdruck, Warnschüsse des eigenen Körpers sowie den ärztlichen Ratschlag über Jahre hinweg nicht ausreichend gewürdigt… das musste irgendwann schief gehen. Aus heutiger Sicht finde ich es einfach Wahnsinn, welchen Raubbau ich an meiner Gesundheit betrieben habe, vor Allem seit ich weiß, wie ungemein einfach es ist, hier Abhilfe durch Ausgleich für Geist und Körper neben dem Job zu schaffen. Aber es war einfach im letzten Herbst ein radikaler Schnitt nötig. Ich habe noch aus dem Krankenhaus heraus einige berufliche Dinge sowie viele der liebgewonnenen „Nebentätigkeit“ auf unbestimmte Zeit gecancelt. Der für Euch natürlich sichtbarste Part der Kandidatur zum FCN-Aufsichtsrat war für mich nur eine Teilkomponente. Allerdings habe ich diesem Amt auch sehr viel Zeit und Engagement eingeräumt. Ich sah mich im letzten Jahr nicht in der Lage, diesem selbst definierten Anspruch zu entsprechen. Das ist heute definitiv anders. Aber es bedurfte einer bestimmten „Auszeit“, die ich mir auch ohne Wenn und Aber im Sinne meiner Gesundheit nehmen musste.

Übrigens hiermit nochmal ein offizieller herzlicher Dank für die Postkarte ans Krankenhausbett mit den Genesungswünschen der IGZ! Da mein Handy und das Mailpostfach damals die allermeiste Zeit im Ruhezustand war, hat mich diese oldschoolige Variante sehr gefreut.

 Chaos: Was hast du im vergangenen Jahr gemacht und wie schätzt du die momentane Situation beim Ruhmreichen ein?

Chris Ehrenberg: Schon während meiner Amtszeit habe ich mir überlegt, wie ich mich im Sinne des Vereins „weiterbilden“ könnte. Ich bin dann auf die „S04 Sportakademie“ aufmerksam geworden, einer Kooperation zwischen dem FC Schalke 04 und der Universität St. Gallen. Ich habe mich beworben und wurde angenommen. Ich wollte das auch unbedingt durchziehen und es hat mich enorm weitergebracht in meiner Meinungsbildung über Prozesse und Abläufe im Fußballsport. Und vor Allem half es, meine eigene Amtszeit selbstkritisch zu hinterfragen. Ich habe extrem viel aus Gelsenkirchen und St. Gallen mitgenommen und darf mich jetzt zertifizierter Sportmanager nennen. Wobei mir das nicht so wichtig ist, viel wichtiger war, was ich dort vermittelt bekam.

Chaos: Das klingt sehr interessant! Könntest du auf diesen Punkt etwas genauer eingehen? Was waren die Inhalte, was hast du gelernt und was bringt dir das für deine Arbeit in der Musikbranche?

Chris Ehrenberg: Es ist im Endeffekt eine Art Intensivkurs für ehemalige Spieler oder bereits im Verein arbeitende Manager, um sich neben dem üblichen „Learning by doing“-Prinzip die Kernelemente des modernen Sportmanagements anzueignen. Da war Basiswissen wie z.B. Sportrecht oder die Vermarktung von Spielstätten ebenso wie aktuelle Modelle der Unternehmensführung dabei. Ich wusste eigentlich vom ersten Tag an, dass ich da richtig bin.

Die Musikbranche ist ein bisschen ähnlich gestrickt wie die Fußballwelt. Vielleicht mit dem Unterschied, dass junge Künstler nicht ins Trainingslager geschickt werden J. Da ich aber schon seit geraumer Zeit auch strukturelle und inhaltliche Beratung für Medienfirmen mache, kam die Idee auf, ob es so etwas nicht auch für die Sportbranche gibt. Es ist noch viel zu früh, dazu etwas zu sagen, aber ich glaube, das würde mir schon sehr gut gefallen. Momentan stehen aber auch noch Hospitanzen (oder weniger hochgestochen: Praktika) bei Vereinen auf dem Plan, um auch über einen längeren Zeitraum Einblicke zu bekommen. Aber wie gesagt, auch im Sinne der eigenen Gesundheit werde ich das alles sehr ruhig angehen lassen.

Chaos: Was hat dich bewogen erneut für den Aufsichtsrat zu kandidieren?

Chris Ehrenberg: Ich hätte es auch schon letztes Jahr gemacht und es war mir relativ klar, dass ich -bei entsprechendem gesundheitlichen Zustand – dieses Jahr wieder kandidieren würde. Zudem sehe ich meine dreijährige Amtszeit auch extrem selbstkritisch. Ich muss da etwas ausholen: 2011 als „Fanvertreter“ eingezogen, habe ich sehr schnell gemerkt, dass Fanthemen in einem Aufsichtsrat wirklich nur ein Randthema sind. Heute – mit Schaffung des Fanbeirats – gibt es schnellere und effektivere Wege, wie Fans sich direkt mit dem Verein austauschen können. Und den eigenen Anspruch, mehr einzubringen als „nur“ Fan zu sein, hatte ich ohnehin schon immer. Aber natürlich waren es meine ersten Jahre im Profisport, ich war aus heutiger Sicht bisweilen schon manchmal recht „grün“. Aber dann fuchst man sich rein, man merkt, was wichtig ist. Man lernt Leute kennen, tauscht sich aus und reflektiert das eigene Handeln. Ich hatte ehrlich gesagt auch immer Spaß an der Sache, wenngleich es auch nervenzehrend sein kann. Dennoch glaube ich, dass ich mit der kritischen Reflektion meiner Amtszeit und dem Wissen aus der S04 Sportakademie im Aufsichtsrat helfen kann, den nun einsetzenden Kurs der Konsolidierung mitzugestalten.

Chaos: In letzter Zeit gab es eine hohe Fluktuation im Aufsichtsrat – Konstanz ist also gefragt. Bist du dir sicher, dass du das Amt gesundheitlich durchstehst?

Chris Ehrenberg: Ein Rücktritt kann viele Gründe haben, Stand heute kann ich sagen, dass ich sicher bin, nach einer möglichen Wahl nicht aus gesundheitlichen Gründen zurückzutreten. Sonst hätte ich nicht mehr kandidiert. Zur Fluktuation ist zu sagen, dass neun Aufsichtsräte schon auch ziemlich viele sind. Ich erwähnte das schon anderweitig, dass ich absolut dafür bin, sich über die aktuelle Gestaltung des Aufsichtsrates Gedanken zu machen. Sei es in der Anzahl, der Gremienfindung (also dem Wahlmodus) wie auch dem Turnus der Wahlen. Und wenn dann Rücktritte angesagt sind, weil man vielleicht im internen Prozess eine bessere Lösung für die Gremienfindung gefunden hat, dann wäre ich gerne dazu bereit. Da bin ich viel zu uneitel dafür, um das dann nicht zu tun.

Chaos: Lass uns mal zu auf deine vergangenen Aufsichtsrattättigkeit zurückblicken. Hast du dir die Tätigkeit als Aufsichtsrat in einem Sportverein so vorgestellt, wie sie sich tatsächlich gestaltete? Erzähl mal was die Arbeit eines Aufsichtsrates beim 1. FC Nürnberg ausmacht und was dir wichtig ist!

Chris Ehrenberg: Ja, durch ein bisschen Gremienerfahrung hatte ich eine ungefähre Vorstellung, allerdings kann ich nach drei Jahren sagen, dass die Arbeit im Aufsichtsrat eines Fußballvereins nochmal etwas völlig anderes ist. Ich habe diesen Lernprozess angenommen, versucht mich so viel wie möglich – auch bei anderen Vereinen – umzusehen, reinzuhören und alles aufzusaugen, was man über das – zwar aus Fansicht wohlbekannte, aber im internen Bereich doch kompliziert strukturierte Profifußballgeschäft – wissen muss. Ich sehe mich da noch lange nicht am Ende der Entwicklung. Für mich aber ist es verpflichtend, mir eben jenes Wissen anzueignen, welches ich aus Altersgründen und einer mir leider versagten Profikarriere (ich lächle gerade leicht) ja nicht hatte. Wie könnte ich sonst im eigenen Verein Entscheidungen mittragen oder Anregungen geben? Die originäre Aufgabe des Aufsichtsrates ja durchaus eng vorgegeben und liegt im wirtschaftlich-finanziellen Bereich. Nur hatte ich für mich immer den Anspruch, zum Beispiel auch gegenüber der sportlichen Leitung, meine Meinung sachkundig zu vertreten. Und wie gesagt, ich würde mich schon freuen, diesen Weg weiterzugehen. Deswegen habe ich auch die „S04 Sportakademie“ besucht. Und bei Auswärtsspielen schaut man auch etwas genauer hin auf die „Nebengeräusche“.

Chaos: Das klingt interessant. Wie schaut für dich ein Auswärtsspiel als Aufsichtsrat aus?

Chris Ehrenberg: Am Ende nicht viel anders als beim Fan. Hinfahren-gewinnen-heimfahren. Aber wenn man da ein waches Auge hat und mit der Zeit auch ein paar Leute kennenlernt, dann ist es schon spannend, Entwicklungen bei anderen Vereinen zu studieren und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Ich finde es absolut wichtig, dass auch abseits der Vorstände und der ohnehin qua Position vernetzten Leute beim FCN auch der Aufsichtsrat so ein Netzwerk nach draußen hat. Ich hatte das 2011 nicht, also musste ich damit irgendwann beginnen. Zu dem Thema habe ich mal von einem ehemaligen Kollegen den Satz gehört: Der Club braucht die Fußballwelt da draußen, aber die Fußballwelt braucht den Club nicht unbedingt. Das habe ich als Verpflichtung genommen.
Chaos: Bei deiner letzten Kandidatur zum Aufsichtsrat bist du mit der Botschaft angetreten, dass der 1. FC Nürnberg ein eingetragener Verein ist und ein auch weiterhin in Mitgliederhand bleiben muss. Wenn man sich im deutschen Profifußball umschaut, fällt auf, dass es nicht mehr viele eingetragene Vereine gibt. Ist der e.V. ein Auslaufmodell und muss man etwa über eine Umwandlung, beispielsweise eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) –nachdenken?

Chris Ehrenberg: Also um der Sache inhaltlich gerecht zu werden, gleich mal vorneweg: Eine KgaA halte ich für eine eher nicht ganz so praktikable Form einer Spielbetriebsgesellschaft. Eine GmbH, AG oder dann eben eine GmbH & Co. KgaA käme dem Sinn einer Ausgliederung aus deinem Stammverein schon sehr viel näher, mit jeweiligen Vorzügen und Nachteilen angepasst auf die Grundlagen eines Vereins.

Aber abseits davon glaube ich nicht, dass der eingetragene e.V. am Ende ist. Mainz agiert z.B. sehr erfolgreich mit diesem Konstrukt und der SC Freiburg hat sich zuletzt erst mit einer Modernisierung seiner Satzung deutlich zum e.V. bekannt. Aber auch hier muss ich sagen, dass wir die Anforderungen der nächsten Jahre noch nicht wirklich abschätzen können, vielleicht auch neue Vorgaben und Richtlinien von Verbänden oder dem Gesetzgeber. Deshalb muss sich ein Aufsichtsrat definitiv mit alternativen Modellen beschäftigen, in Abwägung, was das Beste für den Verein ist.

Und da sind wir eigentlich schon beim Kern des Themas: Da werden oft einfach Schlagworte in den Raum geworfen, die mit Wünschen der Fans verbunden sind (mehr Geld, Investoren, mehr Sponsoren) und oftmals in der Realität das Ziel verfehlen. Im Kern bleibt: Was nützt dem Verein mittel- und langfristig? Da bin ich dann auch bereit, mitzuwirken. Mir sind aus meinem Job „Ausgründungen“ bzw. Ausgliederungen aus Mutterfirmen nicht fremd. Deshalb bewahre ich mir hier eine gesunde Skepsis, bin aber eben auch die Bereitschaft, gangbare Modelle zu entwickeln.

Wobei die aktuelle Situation ohnehin nur der e.V. meistern kann. Alleine schon aufgrund der Satzung. Und auch das ist Fakt: Ein konsolidierter und im Kern gesunder e.V. kann sich seine Wege selbst wählen. Dass dieses Vereinsmodell nicht nur für Traditionalisten gangbar ist, beweisen eben auch die oben genannten Vereine, Mainz 05 zukunftsorientiert mit einem echten Megadeal mit dem Vermarkter Infront.

Chaos: Deiner Ansicht nach handelt es sich also um kein Strukturproblem das mit dem Vereinsdasein einhergeht – wo also kann und muss sich der 1. FC Nürnberg weiterentwickeln?

Chris Ehrenberg: Einem Verein, wie auch einem Unternehmen – oder eben einer ausgegliederten Spielbetriebsgesellschaft – müssen klare Mechanismen, Strukturen und Abläufe zugrunde liegen. Vermeintliche Defizite in einem Verein auf diesen Gebieten würde auch keine Ausgliederung beheben. Und wie ich schon eingangs erwähnt habe, ist es in einem Fußballverein noch einmal etwas völlig anderes, als beispielsweise in einem Produktionsbetrieb. Du kannst Leitplanken und Richtlinien setzen, die eine größtmögliche strukturelle und wirtschaftliche Sicherheit bieten, aber am Ende entscheiden elf kurzbehoste junge Menschen an jedem Wochenende auf dem Rasen darüber, ob gesteckte Ziele erreicht oder verpasst werden. Und manchmal der Pfosten und manchmal eine Abseitsentscheidung oder ein, zwei, drei verletzte Spieler.

Wo der Club sich verbessern kann, ist, diesen Unwägbarkeiten auf dem Platz noch mehr Sicherheit und Stabilität aus unternehmerischer Sicht abseits des Platzes zu geben. Da waren wir in einem Prozess, der leider durch den Abstieg 2014 völlig zurückgeworfen wurde. Das ist es auch, was mir persönlich am Meisten zu schaffen macht. Das Wissen um die Tatsache, dass wir beim Klassenerhalt wirklich einen großen Schritt hätten machen können. Heute stehen wir dort, wo wir „nach Plan“ niemals hätten stehen dürfen – 2011 wurde ich als Neuling ziemlich heftig angegangen, als ich zu „besten Erstligazeiten“ meinte, dass es doch auch eine Art Überbau in Form eines „ligenunabhängigen Konzeptes“ geben sollte für den Fall, auch mal ein oder zwei Jahre in der zweiten Liga zu verbringen und trotzdem eingeleitete progressive Entwicklungen in und um den Verein nicht zu gefährden.

Chaos: Da muss ich nochmal nachhaken: Die Unwägbarkeiten auf den Platz betreffen doch nicht nur unseren Verein – warum schaffen es dann andere Vereine sich selbst nach einer „Grottensaison“ über dem Strich zu halten? Sind sie abseits des Platzes besser aufgestellt?

Chris Ehrenberg: Am Ende ist und bleibt es eben Fußball. Und eine ganze Saison kannst Du in der letzten Minute des letzten Spieltags oder in der Relegation retten. Oder verbocken. Was z.B. der HSV in den letzten beiden Jahren für Glück hatte, kannst du aus Draht nicht nachbiegen. Dennoch glaube ich, dass auf mittel- und langfristige Sicht eine nachvollziehbare und geordnete Vereinskultur aus der Struktur heraus Prozesse -auch auf dem Rasen – positiv beeinflussen kann. Und im Umkehrschluss: schafft das ein Verein nicht, wird er sich auf Sicht nicht auf sein Glück allein verlassen können.

Chaos: Der 1. FC Nürnberg hat in den letzten Jahren durchwegs positive Bilanzen zu vermelden gehabt. Was aber wäre gewesen, wenn diese nicht durch teure Spielerverkäufe „aufpoliert“ worden wären? Auf mich wirkt das sehr wacklig und ich frage mich, was passiert, wenn der 1. FC Nürnberg einmal nicht seinen Superstar findet?

 Chris Ehrenberg: Dann würden sich rein betriebswirtschaftlich auch die Ausgaben den möglichen bzw. erwirtschafteten Einnahmen anpassen müssen. Ein Los, dass wir übrigens mit der Mehrzahl unserer Konkurrenten teilen. Nur sehr wenige Vereine abseits der „aufnehmenden Vereine“ (also die großen Clubs mit negativen Transferbilanzen) schaffen das, ohne dass Transfererlöse auch in die Struktur fließen. Es ist auch Fakt, dass wir durch den letzjährigen Abstieg diesen Scheitelpunkt zwischen Transfereinnahmen und –ausgaben verpasst haben. Unbestritten war und ist ein langfristiger bzw. dauerhafter Aufenthalt im Oberhaus eine Grundvoraussetzung, um hier „Besserung“ zu schaffen. Aber er ist natürlich für den FCN immer weniger sicher planbar als für Vereine wie Schalke, Dortmund oder Leverkusen. Und auch wenn das für einige jetzt schrecklich klingt… es wird noch eine ganze Weile so bleiben. Dennoch ist man verpflichtet, im täglichen Handeln und Tun diesem Ziel wieder näher zu rücken. Es gibt nur unterschiedliche Ansätze dafür. Und je weniger Mittel man zur Verfügung hat, desto kleiner wird die Anzahl der Optionen.

Chaos: Manche Personen – und im Moment ist völlig offen ob es sich dabei Schwarzmaler oder Propheten handelt – gehen soweit und behaupten, dass sich Profifußball zukünftig und Investorenfreiheit gegenseitig ausschließen. Wie kann sich der 1. FC Nürnberg, als e.V., ohne Investor, zukünftig gegen die immer größer werdende Zahl investorgetriebener Vereine behaupten?

Chris Ehrenberg: Zunächst einmal gibt es trotz aller bereits erfolgten und noch angedachten Umgehungsversuche die 50+1 Regel in Deutschland. Das viele Fans diesen „Schutzmechanismus“ nur noch auf tönernen Füßen stehen sehen, ist angesichts der rasanten Entwicklung zum Beispiel von RB Leipzig auch nicht sehr verwunderlich. Ich glaube, dass man – egal ob mit Investor bzw. Anteilseigner oder ohne – einen Verein inhaltlich und strukturell auf Topniveau bringen muss, um den Herausforderungen zu begegnen. Denn von einer Sache sollte man sich gedanklich sehr schnell verabschieden: Dass ein Investor eine nie versiegende Geldquelle ist und einen Verein quasi über Nacht zum Einzug in die Euroleague führen kann. Zum Beispiel wird es bei zwei aktuellen Bundesligavereinen sehr spannend zu beobachten, wie sich deren Modelle in der Langzeitbeobachtung bewähren und – das sollte man auch niemals vergessen – wie Investoren auf die schon genannten Unwägbarkeiten des Geschäftes reagieren werden. Ob vielleicht weitere Unternehmen dem höchst fragwürdigen, aber eben auch brutal konsequenten Projekt RB Leipzig folgen werden, bleibt abzuwarten.

Chaos: Stichwort U21: Um eine den Abstand zwischen Jugend und Profibereich möglichst gering zu halten, sollten die Nachwuchsmannschaften in den höchstmöglichen Ligen spielen. Ist die 3. Bundesliga das erklärte Ziel?

Chris Ehrenberg: Ich bin ehrlich, zu dem Thema habe ich noch keine gefestigte Meinung. Ich betrachte mir z.B. auch Modelle wie Leverkusen und Frankfurt und versuche zu verstehen, warum man dort den Weg ganz ohne zweite Mannschaft geht. Abgesehen davon, dass ein Aufstieg momentan nicht möglich wäre, haben gerade die U23-Teams (bzw. U21 bei uns) auch einen extrem scharfen Fokus, Spieler für die erste Mannschaft auszubilden und zu formen. Rein „mathematisch“ würde ich also sagen: Höchstmögliche Liga bedeutet härterer Wettkampf und – wie gesagt rein mathematisch – automatisch auch eine Verkürzung zum Leistungsniveau der ersten Mannschaft. Aber ich muss nochmal darauf hinweisen: Da bin ich für mich noch ganz allgemein in der Meinungsfindung.

Chaos: Eine zugegeben provokante Frage: Wie viel sind die drei Sterne des Nachwuchsleistungszentrum wert?

Chris Ehrenberg: Vergeben werden sie nach bestimmten Kriterien, die der Club erfüllt hat. Messen lassen müssen sie sich an den Spielern, die den Weg in die erste Mannschaft finden. Aber wie schon bei der U21 ist das ein Thema, zu dem ich noch nicht allzu viel beisteuern kann. Ich bin da im Meinungsfindungsprozess, wenn ich das so sagen darf. Und dazu habe ich mir auch schon mal ein paar andere Vereine angesehen, wie die ihr NLZ handhaben, um überhaupt mal Vergleiche zu haben. Und mir sind Sätze wie „da kommt ja keiner nach!“ etc. einfach zu billig. Ich muss Dinge verstehen, um sie ggf. positiv zu beeinflussen oder zu verändern. Und ich muss über den Tellerrand hinausschauen. Die Fußballwelt hört nicht am Zaun zur Regensburger Straße auf.

Chaos: Die Arbeit eines Aufsichtsrates findet im Geheimen statt, zumindest sollte sie das. Wie aber kann ein Mitglied die Arbeit des Aufsichtsrates Chris Ehrenberg beurteilen?

Chris Ehrenberg: Gar nicht, sag ich jetzt mal ganz salopp. Das macht es vielleicht einerseits schwer, Entscheidungen oder das Handeln eines Einzelnen einzuschätzen oder zu beurteilen. Aber das hat jeder Aufsichtsrat vor seiner Wahl gewusst. Manch einer geht damit mehr, manch ein anderer aus meiner Sicht weniger souverän damit um. Ich habe eben die Idealvorstellung, dass ein Aufsichtstrat durch seinen Vorsitzenden spricht. Man muss hier allerdings sorgfältig trennen. Ich habe keinesfalls etwas dagegen, wenn ein Aufsichtsrat zu gewissen Themen seine Meinung hat und diese auch extern äußert. Ein Problem sehe ich, wenn diese Grenzen zwischen Vertraulichem und einer Meinungsäußerung bisweilen verschwimmen. Die sind meiner Meinung nach eben auch schnell erreicht, vor Allem wenn die Meinungsäußerung die Aufgabengebiete operativ handelnder Personen beträfe (z.B. die Forderung nach dem Einsatz eines bestimmten Spielers).

Chaos: Aber es werden einzelne gewählt. Wie kann ich also beurteilen, ob ich den Aufsichtsrat X wiederwählen soll, wenn ich von ihm nichts höre?

Chris Ehrenberg: Das fragst Du einen vermeintlichen „Ja-Sager“ oder wahlweise „Abnicker“, der sich bei jedem Fitzelchen Interna, welches damals an die Öffentlichkeit gelangte, aber echt auf die Lippen beißen musste, um nicht laut loszuschreien oder Dinge „richtig stellen“ zu wollen? Spaß beiseite. Ich habe es in der vorherigen Antwort geschrieben Es gibt für mich keine Alternative zu einem Aufsichtsrat, der sich im Sinne der internen Vereinsprozesse an die satzungsgemäße Schweigepflicht hält. Wobei das im Idealfall auch kein Problem darstellt, wenn klar und nachvollziehbar über den Vorsitzenden kommuniziert wird. Übrigens mal ganz nebenbei: So kennen es auch die Wirtschaftskapitäne, globalen Vordenker und Firmenbosse aus ihren eigenen Gremien, die sich viele in den Gremien eines Fußballvereins wünschen. Auch unter diesem Gesichtspunkt sollte man diese Sache mal beleuchten.

Chaos: Von außen wirkt die Öffentlichkeitsstrategie des FCN sehr kurzsichtig. Es wird vornehmlich beschwichtigt, es werden Versprechungen gemacht, die dann am Ende nicht oder nur teilweise erfüllt werden. Die O-Töne des Vorstands versprachen zum Beispiel doch andere Investitionssummen und Transfers, als dann am Ende tatsächlich realisiert wurden. Wie kommt es zu diesen Diskrepanzen?

Chris Ehrenberg: Ich kann die Frage gut verstehen. Nur kann ich darauf keine Antwort geben, da ich nunmehr ein Jahr nicht mitgewirkt habe und im Gegensatz zu früher Gesagtes und tatsächlich getanes nicht bewerten kann. Aber unabhängig vom Wahlausgang habe ich auch die Hoffnung, dass sich die Außendarstellung durch klare Kommunikation beruhigen wird. Ich bin auch ein Freund klarer Worte. Wenn ich denke, wie viele heute noch dabei sind, mit denen man in Ditzingen, Ludwigstadt oder Egelsbach zu Ligapflichtspielen (!) des Ruhmreichen war, dann habe ich schon das Gefühl, dass die das offene Wort vertragen.

Chaos: Trotzdem, wäre es dann nicht besser, zunächst vorsichtiger zu agieren? Als Fan fühlt man sich so oft nicht für voll genommen. Ich möchte, dass man mir die Wahrheit sagt und nicht rosarote Wunschwelten ausmalt. Auch die verheerenden Auswirkungen des Abstiegs werden meiner Meinung nach völlig unter den Teppich gekehrt.

Chris Ehrenberg: Ganz unumwunden: Ja. Jedoch mit einem mehr als deutlich spürbaren Trend zur Besserung in den letzten Wochen, finde ich.

Chaos: Noch einmal zurück zum Sportlichen: Marketing, Finanzen – das sind alles Punkte die man mit dem Aufsichtsrat Chris Ehrenberg in Verbindung bringt. Was viele nicht wissen, ist dass hinter Chris Ehrenberg auch ein echter Fußballexperte steckt.

Chris Ehrenberg: Ach, mit dir unterhalte ich mich ja gerne über taktische Belange. Wie das genau kam? Ich war kein wirklich guter Fußballer, es hat zu ein paar Jahren A-Jugend gereicht, bis dann die Hobbies Musik und FCN ihren zeitlichen Tribut forderten und schon oft genug miteinander kollidierten. Was mir aber immer recht leicht gefallen ist – und mir auch großen Spaß macht – ist taktische Aufstellungen, Spielzüge und Strategien von Mannschaften zu analysieren. Das ist am Ende „Rasenmathe“, wie ich es nenne. Mit dem Internet und der sich auch hier professionalisierenden Medien ist das ein bisschen zur Passion geworden. Slaven Bilic hat in einem Interview mal sinngemäß gesagt, wenn man Fünftklässler in Fußballtaktik unterrichten würde, dann hätte man in der neunten Klasse sehr viele Experten auf diesem Gebiet. Das denke ich trifft es im Kern ganz gut. Verglichen mit den Profis sehe mich natürlich als Laien. Aber ich muss auch sagen, dass – wenn ich in den fachlichen Dialog mit den sportlichen Verantwortlichen treten will – eine gewisse Basis Voraussetzung ist. Das ist meiner Meinung nach nicht mal ein Muss für einen Aufsichtsrat (aufgrund der eben durchaus stringenten Vorgabe durch die Satzung), aber wenn ich dazu etwas zu sagen habe, sollte halt schon mehr als „die kämpfen ja nicht!“ kommen.

Chaos: Die „Spielidee des 1. FC Nürnberg“ beinhaltet unter anderem „ballorientiertes Verteidigen“, „Verkleinerung des Spielraums durch Herausrücken von Hinten und seitliches Einrücken“ und „Aktives, energisches Attackieren des Ballbesitzers (Wir reagieren nicht nur auf die Aktionen des Gegners.)“ Zusammengefasst: Pressing und die Idee, dass der 1. FC Nürnberg die tonangebende Mannschaft sein möchte: Warum sieht man davon nichts? Wir spielen reaktiv wie eh und je, haben Probleme im Ballbesitzspie und von energischen Balleroberungen kann keine Rede sein – weder bei den Profis noch bei der U21!

Chris Ehrenberg: Das wäre wohl eher eine Frage an die sportliche Leitung. Ich erlaube mir dazu kein schlussendliches Urteil, zumal mir seit nunmehr fast einem Jahr ja auch die direkten Zugänge fehlen, um das adäquat einschätzen zu können. Und gerade im Fußball ist es wichtig, die übergeordnete Idee des Tuns und Handels gerade der sportlich Verantwortlichen zu kennen, um sich ein fundiertes Bild zu machen.

Chaos: Wie findest du die Idee, dass der Verein ein Grundgerüst vorgeben soll, wie Mannschaften des 1. FC Nürnbergs zu spielen haben?

Chris Ehrenberg: Ich darf einen erfahrenen Trainer zitieren, den ich das mal gefragt habe. Sinngemäß: Wenn ihr mir erzählen wollen würdet, wie ich zu spielen habe, dann würde ich sagen „Danke für den Kaffee, Jungs, bis bald mal!“. Wenngleich ich die Sehnsucht der Fans nach diesem geflügelten Wort kenne, halte ich diese „übergeordnete Spielphilosophie“ bei einem Verein wie dem FCN für nicht umsetzbar. Das können Vereine machen, die qua Existenz einem gewissen Prinzip der Spielanlage folgen (Bayern München oder aber RB Leipzig), interessanterweise sind das auch Vereine, die sich dann aber auch um die Kadergestaltung passend zu dieser – meist offensiv aggressiven – Spielweise in monetärer Hinsicht keine Gedanken machen müssen. Für kleinere Vereine ist schon das ziemlich schwierig, ich glaube auch, dass die Kaderbildung für sogenannte „abgebende Vereine“ (also Vereine mit Transferüberschüssen zur Etatgestaltung) das spannendste Aufgabengebiet und die größte Herausforderung der nächsten Jahre wird. Unter anderem auch deshalb, weil aufgebaute Schlüsselspieler eine immer kürzer werdende Verweildauer bei kleineren Vereinen haben werden, um die man in der Regel seine Kaderstruktur und Spielidee bildet.

Natürlich ist es aber wichtig, einen Plan zu haben. Und Anforderungsprofile an die Positionen wie auch für den Trainer zu entwickeln. Eine Spielidee ergibt sich zwangsläufig durch die Wahl des Trainers und aus der der Schlüsselspieler. Idealerweise ist es eine, die die Zuschauer eher ins Stadion treibt als sie davon fernzuhalten. Und bestenfalls kann basierend auf dem Erfolg dieser Spielidee zugebaut und verfeinert werden. Aber die Attribute und temporären Eigenheiten werden sich ständig verändern. Wer aus Darmstadt hätte z.B. der damals fast aus der 3. Liga abgestiegenen Elf das Attribut „Kämpfer mit Herz“ aufgedrückt? Oder die „Bruchweg Boys“, die nur ein Jahr später häufig das im Schnitt älteste Team auf dem Platz hatten.

Chaos: Zum Schluss noch einmal zusammengefasst: Warum sollte man den Aufsichtsrat Chris Ehrenberg wählen?

Chris Ehrenberg: Ich hoffe, dass man sich ein umfassendes Bild von mir machen konnte. Wenn ich jemanden überzeugt habe, freut mich das. Vor Allem aber wünsche ich mir eine JHV, die auch dem Anspruch des Ruhmreichen gerecht wird. Es kann, darf und muss kritisch hinterfragt werden dürfen, aber ich bitte – hoffentlich auch im Sinne aller Kandidaten – um Sachlichkeit und vor Allem auch einen ordentlichen Ablauf der Wahl. Ich habe das an anderer Stelle schon verlauten lassen: Wenn es uns jetzt nicht gelingt, alle noch offenen Gräben zuzuschütten, dann wird uns das noch Monate – vielleicht Jahre beschäftigen. Die jetzige Situation ist eine Aufgabe, die wir nur alle gemeinsam lösen werden.

Chaos: Ich bedanke mich für das Interview!

 

 

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