Westblick #43: Der Neubeginn

Der Exilfrange gibt einen Blick von außen auf das Geschehen in Nürnberg

Mein Blick vom tiefen Westen der Republik auf das Geschehen in Nürnberg

In dieser Woche lief ein Erdbeben durch den Verein.
Sie begann mit der deutlichen Klatsche gegen Freiburg, welche die katastrophalen und seit Monaten absehbaren Fehlplanungen im Kader offenlegte. Auch wenn es zu einfach ist, die Fehler alleine bei zwei Positionen zu suchen, aber dass Dave Bulthuis eher solider Abräumer für die Innenverteidiger, denn graziler Außenbahnflitzer ist, wusste man. Dass Kevin Möhwald zudem als zentral offensiver Mittelfeldspieler als Rechtsverteidiger in einem Pflichtspiel würde Lehrgeld zahlen müssen, ebenso. Aber unser Verein hatte sich – wohl weiterhin auf den mittlerweile zerschlagenen Linnes Transfer hoffend – dazu verleiten lassen, diese Situation zuzulassen. Und so gab es vorab viele warme und beschwichtigende Worte, so als wäre die Position des Außenverteidigers im modernen Fußball nicht eine der anspruchsvollsten und gleichsam auch bedeutsamsten für defensive Stabilität und offensive Überraschungsmomente. So als ließe sich die richtige Balance aus Unterstützung beim Überladen der Außenbahn offensiv und der Absicherung nach hinten sowie den ewigen Kompromiss zwischen emsigster Laufarbeit und Präzision bei Flanken und co mal eben so im Vorbeigehen erlernen. Die Kaderplanung auf beiden Positionen mutet wirklich seltsam an, auch wenn es natürlich Pech ist, dass mit Sepsi und Leibold hier gleich 2 Spieler verletzt sind. Auf RV aber hatte man im Grunde 2 unbesetzte Positionen, nach der Verpflichtung Breckos nunmehr immernoch eine.

Genauso besorgniserregend ist für mich die allgemeine Eingespieltheit der Mannschaft. Mein Kollege Chaos sprach sich in der vergangenen Saison frühzeitig und überzeugend für einen Nichtaufstieg aus. Anstatt mit der Brechstange mit einer völlig neu zusammengestellten Truppe (aus nicht wenigen unterklassigen Spielern) nach oben zu wollen, plädierte er für einen langfristigeren Plan: „Ich stelle mir nicht die Frage nach dem sofor­ti­gen Wie­der­auf­stieg, son­dern viel mehr, wie man auf­steigt um danach mög­lichst viele Jahre im Ober­haus zu ver­brin­gen. Ich halte es für höchst frag­wür­dig den Auf­stieg mit einer Mann­schaft zu for­cie­ren, die über­haupt nur durch einen finan­zi­el­len Kraft­akt die Chance auf den Klas­sen­er­halt hätte. Die­ser wäre jedoch not­wen­dig, um die vor­aus­ge­hen­den Inves­ti­tio­nen zu tra­gen. Im Moment erscheint mir sinn­vol­ler, den für seine Fähig­kei­ten viel zu teu­ren Kader aus­zu­mis­ten und neue Spie­ler zu holen, die mit­tel­fris­tig das Poten­tial zu soli­den Erst­li­ga­spie­lern besit­zen.“

Jetzt, eine Transferphase später – zumindest die wichtigesten Spieler sollte man jetzt eigentlich haben – bleibt festzustellen, dass wir zwar ein wenig ausgemistet haben (Celustka) und sicher auch Gehalt eingespart haben (Pinola), aber dass die Mannschaft praktisch dieselbe ist. Von Eingespieltheit ist dennoch wenig zu sehen, echte Verstärkungen sehe ich ebenfalls nur eine (Behrens im Vergleich zu Stark/Petrak). Ob Brecko zu Celustka eine Steigerung darstellt bleibt abzuwarten, nachdem man eigentlich jemand ganz anderes wollte. Das erste Spiel gegen einen aber auch schwachen Gegner meisterte er jedenfalls ordentlich. Was Sepsi und Leibold taugen, weiß man noch weniger. In jedem Fall ist es nach nur zwei Spielen ein wenig früh für abschließende Urteile, vorläufig bleibt festzustellen, dass der Verein – wohl aus finanziellen Nöten bei einem angeblich so „gut bestellten“ Feld – seine Hausaufgaben nur teilweise erledigt hat, sodass das Glubbspiel selbst bei einem Sieg auch nur teilweise funktioniert (vorne ganz ok, hinten höchst anfällig). Das war aber auch in der Vorbereitung schon deutlich.

Dieses sportlichen Erdbeeben kündigte sich also bereits lange an, genau wie das Debakel in Fürth letztes Jahr zwar nicht ernsthaft erwartet wurde, aber letztlich logische Konsequenz des gigantischen Kaderroulettes war. Natürlich beschönigte der Verein das damalige Versilbern aller Aktuere als eine Art Selbstreinigung von allen „26-Punkte“-Versagern, in Wahrheit war der Verkauf absolut unumgänglich um die Lizenz zu erhalten, wie wir mittlerweile wissen.

Mit ihren ewigen Beschönigungen und Halbwahrheiten sicherten sich die Herren Woy und Bader kurzfristig zwar ihre Jobs, langfristig schaufelten sie sich in meinen Augen aber das eigene Grab. Auch wenn es auf JHVs vielleicht gut zog, lustige Bilanztabellen zu präsentieren, aus denen man nichts ablesen konnte (Stichwort „Verwaltungskosten“) und vom „guten Weg“ zu salbadern – die sportliche Wahrheit als Konsequenz ihres Handelns, sie ließ sich nicht negieren und kam als Bumerang zurück.

Baderfaust

Martin Bader kann vllt. jetzt etwas befreiter jubeln, da es nicht mehr um den Erhalt seiner Position geht..

Und so kam es in dieser Woche eben noch zu weiteren Erdbeben neben dem sportlichen. Erst die Geschichte um den nächtlichen Boxenstop der Mannschaft zur Aussprache mit einigen, wenigen Fans, dann mit deutlich mehr Ausschlag auf der Richterskala: Baders Rücktritt.
Ein Rücktritt, der ebenso wie die Trennung von Woy so dermaßen überfällig war, dass man kaum noch Worte findet und an den man genauso wenig mehr glauben mochte. Zu viele Krisen hatte er durchgestanden, schien unangreifbar. Und doch musste diese Taktik auch irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Wenn immer suggeriert wird, es sei alles wunderbarprimapaletti und die Kritiker seien halt „typisch Clubfans“, haha der nörgelnde Franke – man kennt ihn, braucht man nicht ernst nehmen – dann muss man eben auch liefern.

Das konnten die beiden zuletzt nicht mehr. Das heißt nicht, dass ich vergäße was hier auch geleistet wurde. Das Anforderungsprofil für seinen Nachfolger diskutierend, teilte mir ein Diskussionspartner diese, sehr treffende Stellenbeschreibung mit: „Der Vorstand Sport muss bei uns ohne wenn und aber jemand werden, der dieses Geschäft kennt, sich dort auch in den letzten 1-2 Jahren aktiv bewegt hat sich fortbildet und sein Netzwerk pflegt und erweitert. Tja… wenn ich so drüber nachdenke, würde mir da der Martin Bader von 2004-2007 und von 2010-2013 einfallen… mit einem starkem Trainer an der Seite.“

Dieses Zitat zeigt zum einen deutlich, dass Martin Bader hier im Positiven große Fußstapfen hinterlässt. Für diese Zeiten bin ich ihm auch heute noch dankbar. Aber wenn man die angegebenen Jahreszahlen umdreht, (2007-2010 und 2013-2015), dann steht es am Ende auch nur 6:5 gute gegen schlechte Jahre. Und für mich immer noch am Wichtigsten: Wenn einer Fans und Mitgliedern gegenüber immer so abwiegelnd auftritt, so als seien alle Sorgen überzogen, dem kann man irgendwann einfach nicht mehr vertrauen. Wenn zwischen Versprochenem und Erfüllten so große Distanzen klaffen, ist eine Trennung irgendwann einfach nicht mehr zu umgehen.

Jetzt, in der Ära nach Woy und Bader (auch wenn dieser noch pro Forma einige Zeit für uns ein Vorstandsamt besetzt) wird es um einen Neubeginn gehen, insbesondere darum, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Und das kann in meinen Augen am besten geschehen, wenn man endlich wieder einen klaren Plan hat. Das heißt, wenn man weiterhin sagt: „Wir müssen weiterhin ein Verein sein, der immer erste Liga spielt“, dann muss ich auch wissen, wie ich das erreiche. Das Prinzip Hoffnung ist kein sehr tragfähiges. Oder aber ich reduziere die Kosten in Kader und Verwaltung und setze den Wiederaufstieg als langfristiges Ziel fest, sorge aber dadurch auch dafür, dass uns ein paar Jahre 2. Liga nicht ruinieren. So lange transpafent gemacht wird, warum dieser Plan der beste ist, werden die Fans ihn mitgehen, selbst wenn er schmerzt.

Dieser Neubeginn, daran gibt es keine Zweifel, er wird verdammt schwer. Zum Einen, davon bin ich überzeugt, weil er nur gelingen kann, indem man Tacheles spricht und Ehrlichkeit einkehrt. Und dann wird es unangenehme Fragen hageln und es könnte noch für mehr Personen ungemütlich ist, was den zweiten Grund für die Schwere des Neubeginns ausmacht. Ja, Bader und Woy waren Hauptverantwortlich. Das heißt aber nicht, dass sich auf anderen Ebenen nicht ebenfalls Leute tummeln, die zu kritisieren wären, oder wo evtl. sogar eine Neubesetzung hermüsste. Das Scouting, NLZ und der Bereich des Fanshops sind nur 3 Beispiele, bei denen ich persönlich nachhaken würde.

Baderfaust

Meeske ist ein Gesicht des Neubeginns. Die IGZ wünscht viel Erfolg für die schwierige Arbeit!

Vielleicht verlegen sich auch die Nachfolger aufs Abwiegeln und Beschwichtigen und zwar auch weiterhin nicht nur nach außen, sondern schauen auch weiterhin den Mißständen zu. Dann sehe ich überraschenderweise komplett schwarz.

Oder aber es folgt die heiß ersehnte Wende und eine Transparenzoffensive. Dann mag es für einige Zeit hässlich werden, doch auf Sicht werden sich die Glubbfans wieder voller Stolz hinter ihrem Verein vereinen. Egal in welcher Liga.
Dann kann es eine zweite Welle geben, wie durch die „Ich bereue diese Liebe nicht“ Kampagne, auf deren Euphoriewelle der gesamte Verein für etliche Wochen schwamm. Vor Meeske und co liegt keine leichte Zeit, aber auch eine große Chance.
Viele Wunden wurden in den letzten schwarzen Jahren gerissen. Aber insofern sie nicht immer wieder neu gereizt werden, werden sie verheilen. Gemeinsam bringen wir diesen Verein wieder nach vorn!

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