Das „sichere Stadionerlebnis“

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Mein Blick auf die Glubbwelt

Samstag, 14 Uhr, irgendwo vor dem Max-Morlock-Stadion in Nürnberg (und es könnte wohl auch jedes andere Profifußballstadion in Deutschland sein): Ich sehe einen gesunden Querschnitt aus allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen in Richtung heiliges Achteck pilgern. Ja, dies ist eine Sache, die all diese so unterschiedlichen Menschen stark miteinander verbindet: Wir gehen einem Hobby nach – Fußball gucken. Dieses Hobby wurde schnell zur Leidenschaft und wirkt sich, wie wohl sonst keine andere unserer Freizeitbeschäftigungen, auf unsere Laune während der Arbeits- oder Schulwoche aus, auf unser seelisches Gleichgewicht und auf unsere Gesprächsthemen gegenüber Freunden, Familie und Kollegen. Nur dieses Erlebnis ist die Klammer, die Ultras, Kuttenträger, Allesfahrer, Heimspielbesucher, Jugendliche, Rentner, Reiche, Arme, usw. gleichermaßen unter den Begriff „Fan“ fallen lässt.

Allein schon aus diesen einleitenden Bemerkungen kann man schließen, dass ein Konsens jenseits der für alle gleichermaßen gültigen Liebe zum Sport und zum eigenen Verein häufig schwierig zu erzielen ist, da sich schon im Stadion die Interessen der verschiedenen „Kategorien“ von Fans deutlich unterscheiden. Dennoch ist es keineswegs vermessen, wenn ich feststelle, dass sich jede Art von Fan in diesem Land und in unseren Stadien so sicher fühlen kann, wie es auf derart großen Massenveranstaltungen nur irgendwie möglich ist. Die folgende Statistik hat zwar bereits die Runde in den (seriöseren) Medien gemacht, doch sie sei hier noch einmal kurz erwähnt: In einem Jahr verletzen sich so viele Menschen im Umfeld von Profifußballspielen der 1. und 2. Liga (ca. 850) wie am Oktoberfest in München an einem Tag. Natürlich ist jeder Verletzte einer zu viel, doch ist totale Sicherheit eine Illusion, an die höchstens noch die populistischsten unserer unfähigen Innenpolitiker (vermeintlich) glauben. Außerdem sind in dieser Statistik auch diejenigen erfasst, die sich ohne Fremdeinwirkung verletzen, oder durch mindestens zweifelhafte Polizeiaktionen in Mitleidenschaft gezogen werden (ich erinnere nur an den „Blocksturm“ durch die niedersächsische Polizei bei Hannover 96).

Beachtet man all diese Abzüge von einer sowieso schon sehr niedrigen Gesamtzahl an Verletzten, muss man zu dem Schluss kommen, dass das Bild in den Medien („eine neue Dimension der Gewalt in Stadien“, „martialische und bedrohliche Bilder“, „es muss sich etwas ändern, damit Familien weiter ins Stadion gehen können, ohne Angst haben zu müssen“) deutlich verzerrt ist. Glücklicherweise sehe ich mit meinen eigenen Augen bei jedem Heimspiel des FCN immer noch zahllose Familienväter und -mütter, die mit ihren teilweise noch sehr kleinen Sprösslingen den vermeintlich gefährlichen Weg ins Stadion einschlagen – und auf dem Nachhauseweg ein verzaubertes Funkeln in den Augen der Kinder, für die so ein Stadionbesuch ein absolutes Highlight in ihren jungen Leben darstellt (es war ja bei uns damals nicht anders). Ängstliche Kinder, besorgte Väter und Mütter, Panik bei Familien in und um Fußballstadien – sie sind mir in all den Jahren noch nie begegnet.

Doch die Diskussion um den Stadionfan wird leider nicht von denjenigen dominiert, die sich im Stadion selbst gut auskennen. Die Ablehnung, die den Ultras, den Fanszenen und den „Fußballfans an sich“ in Leserbriefen, Kommentarspalten und Fernsehbeiträgen entgegenschlägt, wird meistens – egal, ob Medienprofis oder Privatpersonen am Werk sind – von Leuten geschürt, die entweder gar nicht (mehr) im Stadion präsent sind, oder sehr weit weg sind von der Gefühlswelt der Stadionbesucher.
Sind die Bilder in den Medien von brennenden Bengalos und Rangeleien zwischen rivalisierenden Fangruppen (und Polizei) deswegen falsch? – Nein, natürlich nicht! Aber allein durch die nicht zu rechtfertigende Gleichsetzung von Pyrotechnikeinsatz mit „Ausschreitungen“ oder gar „Gewalt“ lässt sich schon der Hauptteil der Bilderflut erklären. Ich persönlich bin kein Pyrotechnikbefürworter, weil es zu viele Menschen gibt, die nicht mit diesen potenziell gefährlichen Objekten umgehen können (zumal in größeren Menschenmassen), aber eine Bengalo mit physischer Gewalt gleichzusetzen, käme mir nie in den Sinn. Es entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie, dass die Medien, die in ihren Live-Reportagen von Fußballspielen, bzw. in der Nachberichterstattung, Pyrotechnik geißeln, ziemlich zeitgleich die zweifelsohne spektakulären Bilder von Pyroaktionen in ihren Trailern, Einspielern und auf Plakaten sehr gerne zeigen.

Bleibt immer noch ein nicht zu vernachlässigender Rest an tatsächlicher Gewalt „im Stadion“. Der Begriff „im Stadion“ wird dabei so sehr ausgedehnt, dass auch die absolut hässlichen Attacken auf Fans an Autobahnraststätten, in Kneipen, usw. zur „Gewalt im Stadion“ gerechnet werden. An dieser zweifelhaften Interpretation beteiligen sich sowohl Medien, als auch Politiker. Ich als friedlicher Fan, der noch niemals in seinem Leben an einer Schlägerei beteiligt war, kann doch absolut nichts dagegen machen, dass ein paar verirrte Seelen ihre Gewaltfantasien an rivalisierenden Fans auslassen. Auch mein Verein kann mit noch so tollen Sicherheitskonzepten im Stadion keine Übergriffe verhindern, die oft viele Kilometer vom Stadion entfernt stattfinden, noch dazu außerhalb der Spieltage. Übergriffe und Gewalt im Stadion gehören doch schon seit vielen Jahren fast vollständig der Vergangenheit an, und nur im Stadion kann die Politik einen Verein auch in die Pflicht nehmen. Wenn sich zwei Rockfans außerhalb der großen Festivals eine Schlägerei liefern, kann man doch auch nicht Metallica, bzw. deren Sicherheitspersonal, dafür verantwortlich machen. Natürlich ist Gewaltprävention in den Fanprojekten eine großartige Sache, die wir mit aller Macht unterstützen sollten, da sie auch der Gewalt außerhalb der Stadien etwas entgegensetzen kann, doch die „Sippenhaft“, die Fans und Vereine nach Übergriffen im öffentlichen Raum erfahren, ist absolut sinnlos.

Es ärgert mich, wenn Gewalt im Namen des Fußballs stattfindet; es ärgert mich aber genauso, wenn Leute, die dem Fußball nicht nahe stehen, ein völlig falsches Bild vom Stadionbesuch haben und ihn als potenzielles Sicherheitsrisiko betrachten (oder gar euch und mich als Stadionbesucher in ein falsches Licht rücken). Noch mehr ärgert es mich, dass unsere Innenpolitiker nach ihrem Versagen in der NSU-Mordserie die Fußballfans als leichte Opfer ausgemacht haben, denen man in panischem Aktionismus immer neue Keulen über den Schädel ziehen will, nur um der eigenen (von den Medien schlecht informierten) Klientel zu gefallen. Weiterhin ärgert es mich, dass die DFL und der DFB beständig auf die totale Eventisierung des Fußballs setzen, wobei die kritischen und gut organisierten aktiven Fans, Fanszenen und Ultras mehr als nur stören. Für diese Verbände ist die ausufernde Gewaltdebatte in den Medien ein willkommener Anlass, die über Jahrzehnte gewachsene Fankultur in Deutschland ähnlich zurückzudrängen, wie es die Verantwortlichen in England bereits vor Jahren getan haben. Stattdessen will man ein ähnlich pflegeleichtes und unkritisches Fußballkonsumpublikum, wie wir es alle 2 Jahre bei EMs und WMs erleben dürfen.

Was mich jedoch am allermeisten ärgert, ist das Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“. In ihm sammelt sich bereits die Agenda für die nächsten Jahre: Totale Überwachung, Hosen runter am Stadioneinlass und die fast vollständige Entmündigung der Stadionfans. Was erlaubt ist, legen alleine die DFL und der DFB fest – wer braucht schon Kommunikation und Konsens mit denjenigen, die viel Geld, Zeit und Herzblut für ihre Vereine geben, und im Gegenzug nur drei Punkte am Samstag um 17.20 Uhr für ihren Verein sehen wollen. Daher mein Appell: Seid wachsam, informiert euch und informiert andere. Protestiert, wenn ihr mit Gewalttätern gleichgesetzt werdet. Tragt euch bei Aktionen wie http://www.ich-fuehl-mich-sicher.de ein. Zeigt, dass man uns nicht so einfach los wird, schreibt eurer Tageszeitung, wenn sie aus eurer Sicht falsch über Fanthemen berichtet. Es liegt vielleicht nicht alles in unserer Hand, aber wenn wir unsere Ressourcen nicht voll ausnutzen, haben wir keine Chance – so viel ist sicher! Wer auch in 10 Jahren noch Stehplätze, bunte Kurven, laute Stadien und kritisch-aktive Fans haben möchte, wird dafür kämpfen müssen – und zwar so, wie sich Fans immer am liebsten präsentieren: laut, farbenfroh, kreativ und ohne Gewalt.

Maddin, IG Zukunft 

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Ein Kommentar zu Das „sichere Stadionerlebnis“

  1. Toni sagt:

    Auch die Ya Basta! Beschäftigt sich aktuell mit diesem wichtigen Thema:
    http://yabasta.blogsport.de/2012/11/13/suggestion-manipulation/

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