Westblick #35: Schmach (abseits des Platzes)

    Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

    Mein Blick vom tiefen Westen der Republik auf das Geschehen in Nürnberg

    Fortsetzung zu Teil 1. Falls noch nicht gesehen, bitte zuerst lesen, da er unter anderem einen Disclaimer beinhaltet, der angesichts der heiklen Themen, die ich hier ansprechen möchte, besonders angebracht erscheint.

    3. So, da sind wir also beim heikelsten Punkt. Zur schlimmsten Entgleisung des Montags. Jemand hat aus einer vollbesetzten U-Bahn heraus, vor lauter Zeugen also, einen Feuerlöscher gegen bzw. in eine entgegenkommende Bahn hinein geworfen. Der zuvor entleerte Feuerlöscher hatte dabei immer noch genügend Masse, die Scheibe der entgegenkommenden Bahn zu durchschlagen und die Fahrerin zu verletzen. Damit konnte der Werfende trotz der Entleerung rechnen, weil sein Geschoss nicht nur die Geschwindigkeit seiner Bahn innehatte, sondern zudem auf eine entgegengesetzt fahrende Bahn prallte. Dass dabei enorme Kräfte frei werden, ist auch für Physiklaien absolut selbstverständlich. Mit etwas Pech, hätte der Feuerlöscher die Frau nicht verfehlt, wie er es tat, sondern voll getroffen. In dem Fall wären schwere Verletzungen bis zum Tod denkbar gewesen. Zum Glück kam es nicht so, aber diese Aktion bleibt auch so einfach eine riesen Sauerei. Ich kann mich davon nur distanzieren, ich schäme mich stellvertretend für diesen Mist und es macht mich einfach sprachlos.
    Trotzdem muss ich doch auch der Berichterstattung entgegentreten. Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht, was diesen Menschen angetrieben hat, ob das gemeinschaftlich begangen wurde etc. Dass die Staatsanwaltschaft daher von versuchtem Totschlag ausgeht, halte ich daher für alles andere als in Stein gemeißelt. Es fällt mir schwer vorzustellen, dass jemand rein aus Spaß beschließt, eine völlig Unbeteiligte zu töten. Gewiss, solche Menschen gibt es, aber sie sind statistisch sehr, sehr selten. Wusste derjenige, dass er etwas Saublödes tut? Selbstverständlich. Denkbar ist aber das Szenario einer Art Mutprobe, vielleicht angeheizt durch eine grölende Gruppe, vielleicht aufgezogen „das traust du dich nicht“. Eine Gruppe alkoholisierter junger Männer kommt auf eine Menge dumme Ideen, wenn sie sich erst einmal hochschaukeln. Dass man zum Feindbild Nummer 1 unterwegs war und in sein Feindesland Armeengleich einzumarschieren gedachte, hat der Stimmung bestimmt erst recht die gewisse Würze gegeben. Nun, bevor man mich missversteht. Ich verteidige das nicht. Ich hoffe meine obige Distanzierung war dahingehend deutlich genug. Zudem behaupte ich auch nicht, dass es sich so abgespielt hat. Dies ist, wie ich es mir momentan am plausibelsten zusammenreime. Ohne jeden Wahrheitsanspruch. Wenn wir das des Arguments wegen aber einmal annehmen, dann wird aus einem wilden Mörder zwar noch lange kein Unschuldiger, aber es wird jemand menschliches, jemand der seine Tat mittlerweile vermutlich sehr bereut. Und wenn ihr genau nachdenkt, hätte so mancher Scheiss in eurer Jugend auch ganz schön daneben gehen können. Das bringt ihn zwar nicht um eine gerechte Strafe, aber zumindest kommen wir damit von den dämonisierenden Schilderungen in der Presse. Nein, das ist kein Monster, das ist ein Mensch.
    Ein Mensch, der hoffentlich bald die Eier in der Hose hat, auch dazu zu stehen. Oder der Freunde hat, die ihn davon zu überzeugen. Persönlich finde ich zudem, dass diese Freunde auch auf einem schmalen Grat zwischen Freundschaft und Mitwisserschaft wandeln. Ich möchte weder in der Haut des Opfers, noch des Täters noch der Mittäter/Zeugen stecken.

    4. Kommen wir zum nächsten Gewaltakt. Infernalische Feuer des Todes und der Gewalt wurden während des Spiels von asozialen Chaoten abgebrannt, die man schleunigst einsperren oder zumindest alle mit einem Stadionverbot und der Umlegung der zu erwartenden Geldstrafe belegen sollte. So ungefähr die Lesart vieler Kommentare auf Facebook und in der Presse. Dem möchte ich gern abmildern entgegentreten. Doch ich muss ich mich wiederum vom Verhalten dieser Personen auch distanzieren. Ich bin weder Freund noch Feind von Pyrotechnik. Ich war in Bochum im Stadion und fand dies nachhaltig abschreckend, sodass ich wohl nie eine Fackel in die Hand nehmen werde, ja nicht mal in der Nähe von solchen Personen stehen bleibe, wenn sie entscheiden das zu tun. Ich weiß aber auch, dass diese Vorfälle selten sind. Wer verantwortungsvoll mit Pyro umgeht, das heißt ausreichend Sicherheitsabstand zu Umstehenden und Löschmöglichkeit, der geht kein größeres Risiko ein, als all die andern Bekloppten, die zu Silvester Krieg spielen. Ach ne, Moment, das ist natürlich ganz was anderes… Trotzdem finde ich den Einsatz vom Montag völlig daneben.

    Pyro Derby

    Der Einsatz von Pyro könnte jetzt einschneidende Folgen haben.


    5. Das Fantasiegericht der DFL, das meint es könne Fantasiestrafen aussprechen ohne Rechtsgrundsätze wie „im Zweifel für den Angeklagten“ bzw. „bis zum Beweis seiner Schuld ist jeder als unschuldig zu betrachten“ zu beachten, hat uns erst im Juli einen Zuschauer-Teilausschluss aufgebrummt und diesen zur Bewährung ausgesetzt, die Aufhebung der Bewährung droht nun. Nun kann man ablesen, dass ich dieser Form von Gießkannenbestrafung zutiefst widerspreche und sie ablehne. Ich sehe darin auch keinen Sinn. Damit eine Strafe nachhaltige Wirkung zeigt, muss sie nicht nur schmerzhaft sein, sondern einen erstens persönlich betreffen und zweitens zeitnah zur Tat erfolgen, sonst wirkt sie nicht. Und im Übrigen fände ich statt des Versuchs, nur über Strafen weiterzukommen, die Wiederaufnahme der seitens DFB und DFL entgegen aller Versprechen abgebrochenen Gespräche mit der aktiven Szene weit sinnvoller. Und wenn ich diese Szene schon strafen will, dann wenigstens mit dem Entzug von Privilegien und nicht mit der Aussperrung anderer. Oder noch besser, durch eine wirkungsvolle Identifikation (die ich in einem Stadion weit eher akzeptieren kann als die Filmerei auf jedem öffentlichen Platz und die Ausspähung meiner Daten) der Einzeltäter, statt Gruppenrepressalien. Und wenn das eben nicht gelingt? Tja, dann gibt es eben keinen greifbaren Schuldigen. So funktioniert unser Rechststaat und das sollte auch für den Fußball gelten. Trotzdem wussten die Zündler vom Montag aber ganz genau was auf sie zukommen würde. Und sie taten es trotzdem. Der Ausschluss wird wahrscheinlich Teile der Nordkurve betreffen. Alle Dauerkarteninhaber (und das sind nicht wenige) tangiert dies aber kaum. Sie bekommen nach dem Cottbusser Urteil nämlich Ersatzkarten für andere Blöcke und es reduziert sich dafür das Restkontingent. Und wenn es am Ende unbeteiligten Menschen schadet, denen nun vielleicht eine Karte entgeht, dann ist das tatsächlich asozial. Allerdings nicht ganz so asozial wie die rechtstaatlich untragbare Vorgehensweise der DFL.

    Günther Koch

    Günther Koch hat das Wort. Ein wenig zu oft in letzter Zeit.

    6. Doch diese anderen Aspekte kommen in der einseitigen Berichterstattung nicht vor. Sie ist wie so häufig in Fanfragen übertrieben, völlig daneben und ebenso vereinsschädigend wie die Zündelnden selbst. Da wären z.B. die grenzdebilen Versuche, den Trainer auf einer sportlichen Pressekonferenz zum Einstimmen in den hysterischen Kanon der kriegsähnlichen Zustände zu bewegen. Zum Glück erfolglos. Oder der herrlich dämliche Morgenmagazin-Beitrag. Wo die schlimmsten Szenen die sie finden konnten (ein paar skandierte Rufe und Mittelfinger in die Kamera) mit bösartigsten Kommentaren versehen wurden „schwarzer Mob“ „Ich habe Angst“. Und in diesen Tenor der einseitigen Lügenberichterstattung – schließlich hatte selbst die Polizei eingeräumt: „Es gab keine Ausschreitungen oder Festnahmen“ – stimmt dann ausgerechnet ein mit offiziellem Amt des FCN ausgestatteter Mensch ein. Günther „die Stimme Frankens, ergo auch inoffizieller Pressesprecher des FCN“ Koch. Er schämt sich. Und zwar nicht für die Schande von Fußballspiel, sondern für die Fans. Die „schlauen Fans“ des FCN wie er sie erst vor einigen Monaten nannte. Ich brauche weder falsche Komplemente, noch anmaßende Urteile aus seinem Mund. Was ich von ihm erwarte, ist dass er seine Aufsichtsratsarbeit macht. Und zwar dem Verein zuliebe, ohne dass er seinen Senf alle 2 Minuten per Medien abgibt. Man muss angesichts seiner Aktivitäten wirklich fragen, worum es dem Mann geht. Geht es ihm um das Wohl des Vereins? Gut, dann soll er nicht öffentlich, während eines laufenden Verfahrens des Vereins, gegen die eigenen Fans vorpreschen und ihr Verhalten weit über das gezeigte Maß hinaus kriminalisieren. Und wenn es ihm stattdessen um Selbstdarstellung als „Macher“ geht, dann ist er im Aufsichtsrat falsch. Dann schadet er dem Verein und gehört aus dem Gremium entfernt, mindestens aber 2015 nicht wiedergewählt. Wenn er wirklich konstruktive Ideen hätte, würde er sie intern anbringen, damit der Verein sich mit diesen befasste. Aber stattdessen hören wir von ihm Bildzeitungspolemik.

    Ja danke, aber nein danke, Günther.

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