11. Spieltag: 1. FC Nürnberg – SC Freiburg 0:3

Welche Argumente hat ein Trainer, dessen Mannschaft vor heimischem Publikum vom Tabellenvorletzten und direkten Konkurrenten drei Tore eingeschenkt bekommt ohne dabei selbst ein Tor zu erzielen?

In der Regel keine, aber das gestrige Spiel bewegt sich außerhalb jeder Regelmäßigkeit. Ich habe mich auf die Partie gegen Freiburg mehr gefreut als auf jedes Spiel der letzten drei Jahre – umso mehr trifft mich die Niederlage, die in ihrer Entstehung nur als unverdient bezeichnet werden kann. Ausgerechnet in dem Spiel, in dem die Mannschaft die beste Leistung seit Monaten zeigte kommt es zu einer der bittersten Niederlagen der letzten Monate.

Nur um ein paar Statistiken zu bemühen: 15 Chancen aus dem Spiel heraus, 60% Ballbesitz und eine erfolgreiche Passquote von 85% – was Gertjan Verbeek in zwei Wochen erreichte, haben Wiesinger und Hecking in Monaten, bzw. Jahren nicht geschafft. Und dennoch konnte zumindest tabellarisch kein Schritt nach vorne gemacht werden.

Die Mannschaft aber setzt die Spielphilosophie des Trainers um und ist auf dem richtigen Weg:

  •  Der Spielaufbau durch das Zentrum: Ich habe über Jahre die Positionierung, bzw. die Implementierung der Sechser im Spielaufbau kritisiert und es ging sogar soweit, dass ich zwischenzeitlich an meinem (Fußball)-Verstand zweifelte – denn unabhängig vom Personal auf der Trainerbank, bzw. der Doppelsechs, sah das immer gleich aus: Die Sechser versteckten sich im Mittelfeld und das höchste der Gefühle war das „Prallenlassen“ eines Balles zurück in die Abwehr. Und nach nur zwei Wochen unter Gertjan Verbeek ist das alles Vergangenheit: Stark, vor allem aber Hasebe, kommen den Innenverteidigern entgegen und nehmen den Ball an, drehen auf und bringen den Ball nach vorne. Der stereotype Aufbau über die Außenverteidiger ist vergessen, stattdessen gibt es jetzt haufenweise Anspielstationen , sei es durch den sich weiter vorne positionierenden anderen Sechser, einrückende Außenstürmer, oder die Kräfte im offensiven Zentrum. Die Positionierung im Spielaufbau ist mehrere Klassen besser als zuvor – und dies ermöglicht eine bessere Passquote, mehr Ballbesitz und mehr Chancen.
  • Der Spielaufbau durch die Innenverteidiger: Mannschaften von Gertjan Verbeek zeichneten sich häufig durch eine starke Einbindung der Innenverteidigung im Spielaufbau aus. Pogatetz zeigte gestern einige Male, dass dies auch beim 1. FC Nürnberg möglich ist. Mit langen diagonalen Pässen von der halblinken Seite auf den rechten Flügel setzte er immer wieder Mak ein, der daraus jedoch nur sehr wenig machen konnte. Ähnliche Spielzüge werden vermehrt im Training geübt und sind bereits nach kurzer Zeit auf dem Platz zu sehen.
  • Veränderte Verteidigungshaltung: Der Glubb versuchte sich von der passiven Verteidigungshaltung zu lösen, welche in den vergangen Jahren (teilweise erfolgreich) praktiziert wurde. Unter Hecking hieß die Devise „Alle hinter den Ball, Raumverknappung um den eigenen Sechzehnmeterraum!“. Das Problem hierbei liegt in der Balleroberung, die in zurückgezogener Position erfolgt und dadurch einen langen Weg zum gegnerischen Tor bedingt. Mit einer insgesamt defensiven Mannschaft, die nur zaghaft aufrückte, führte dies zu wenigen Chancen, häufigen Ballverlusten und der Möglichkeit des Gegners konstant Druck auf den 1. FC Nürnberg auszuüben. Gertjan Verbeek bemängelte dies in der Pressekonferenz nach dem Stuttgart-Spiel („Hoher Aufwand den Ball zu erobern“ & „Besser Fußball spielen“). Das große Problem im Moment ist der Umstand, dass teilweise Angriffspressing gespielt wird, andere Teile der Mannschaft aber nur versuchen hinter den Ball zu kommen – dadurch ergeben sich Lücken, in die der Gegner stoßen kann. Der Schritt von „Bei Ballverlust alle ein Stück zurück“ zu „Bei Ballverlust alle zum Ball“ ist kein einfacher und wird noch Zeit brauchen.

Um auf den Anfang zurückzukommen: Welche Argumente hat Gertjan Verbeek? Vielleicht das, dass gestern der attraktivste Fußball seit langer Zeit geboten wurde und die Mannschaft sich unzählige Chancen herausspielte. Dieses Argument zählt für mich. Gertjan Verbeek bringt frischen Wind mit und leitet längst überfällige Veränderungen beim Glubb ein – mittel- bis langfristig werden wird davon profitieren!

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4 Kommentare zu 11. Spieltag: 1. FC Nürnberg – SC Freiburg 0:3

  1. Hanns-Thomas Schamel sagt:

    Eine hervorragende fußballfachliche Zusammenfassung des Spiels!
    Jetzt heißt es: weiter positiv denken und alle zusammenhalten!
    Denn wir sind wir auf dem richtigen Weg!

  2. Cluberer49 sagt:

    Man hat endlich mal den Willen gespürt, WIR WOLLEN DIESES SPIEL GEWINNEN, das war mit ganz ganz wenigen Ausnahmen die letzten Jahre nicht zu spüren. Man hätte sehr oft Schmerzensgeld als Zuschauer verlangen können. Weiter auf dem Weg, Chancen verwerten und das zuschauen macht Spaß. So viel Pech hat man nicht oft. Per Nilson bekäme bei mir ne Pause, was der sich in jedem Spiel durchgehend für Aussetzer leistet (National oder beim Club) geht nicht mehr auf die berühmte Kuhhaut. Zwei Namen, Angha, Korczowski , komme mir keiner mit „Unerfahren“ da muß ich sofort an P. Wollscheid denken. Keine DFB U-Einsätze, in Saarbrücken aussortiert, 3 Saisons später 7 Mio. wert. Auch in diesem Punkt setze ich meine Hoffnung auf Verbeek.

  3. Andreas Peter sagt:

    Sehr trefflich analysiert!
    Seh ich ganz genauso. Endlich wird Fussball gespielt.
    Ich hoffe der Trainer lässt sich nicht beirren und zieht seinen Weg durch.
    Zusammen stehen Cluberer dann pack mers! Hobb etz!

  4. Vogti sagt:

    Besser kann man es nicht schreiben!!!

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