Westblick #25: Kritischer Blick auf die JHV

Der Exilfrange gibt einen Blick von Außen auf das Geschehen in Nürnberg

Mein Blick vom tiefen Westen der Republik auf das Geschehen in Nürnberg

Willkommen beim Westblick zur kürzlichen  Jahreshauptversammlung. Diese hier geäußerte Meinung steht nicht zwingend im Bezug zur Gesamtmeinung der IG Zukunft, falls es so etwas bei einer Personenzahl über 1 überhaupt geben mag.

Zu Beginn das Beste: Ralf Peisl ist mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt worden. Wer 850 Stimmen auf sich vereinen kann, der hat wirklich Überzeugungsarbeit geleistet (zum Vergleich, der Vorstand wurde mit nur ca. 100 Stimmen mehr entlastet) . Ich möchte Ralf an dieser Stelle nicht nur gratulieren, ich möchte mich auch herzlich bedanken für die Bereitschaft, weitere 3 Jahre ehrenamtlich und freizeitlich für unseren Verein zu arbeiten und dies obendrein noch in einer öffentlichkeitsfernen und angenehm profilierungsarmen Weise. Das ist alles andere als selbstverständlich und, wie später bei mancher Bewerbung erkennbar, auch nicht immer die Regel.

Ralf Peisl

Wurde mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt: Ralf Peisl

Kein gutes Licht auf das Plenum, uns Fans und Mitglieder, wirft die Tatsache, dass Ralf nicht für seine Einlassungen für einen fairen und vor allem sachlichen Umgang mit Ordnungswidrigkeiten und Straftaten rund um den Fußball den größten Applaus erntete. Auch nicht für sein (wie ich fand) glaubhaft vorgetragenes Anliegen auch weiter eine Erdung für den Aufsichtsrat darzustellen, ansprechbar zu sein für jedermann und Konstruktives bis in dieses Gremium weiterzutragen. Nein, was ihm die breiteste Zustimmung der Versammlung einbrachte war die fast schon polemische Forderung an Martin Bader, keine Torhymmne mehr zu verbrechen – etwas was von Vorstandsseite wohl ohnehin schon beschlossen war, wie Woy kurz darauf darlegte. Liebe Mitglieder, die verunglückten Tormelodien waren ärgerlich, das kann ich nachvollziehen, aber der Glubb hat bei weitem schlimmere Probleme und Ralf Peisl wichtigere Anliegen als dieses. Ist dies wirklich das vornehmliche Argument, um Peisl zu wählen?

Mitglieder

Die Mitglieder ließen sich an diesem Tag sehr einfach ruhigstellen, dabei hätte es genug Anlass zur Kritik gegeben.

Allgemein war das Klatschverhalten für mich ein großes Ärgernis. Auf jeden billigsten Anti-Fürth- oder Wolfsburg-Witz gab es teilweise frenetische Applausszenen. Ich gebe es gerne zu, ich habe bei dem einen oder anderen Witz auch gelacht und geklatscht, ich habe bei weitem keine Humorphobie. Im Gegenteil, ich habe es mir erlaubt diese durchaus wichtige und ernste Veranstaltung mir mit einer Vielzahl von Witzen erträglich zu machen, wenn der Sprachrhythmus am Rednerpult mal wieder ins Schneckentempo überging und die Pausen zwischen jedem Satzteil sich ins Unendliche zu dehnen drohten. Wo für mich persönlich aber die Grenze verläuft ist, wenn man dem Vorstand gestattet auf eine flachsige Art ernste Sachverhalte abzubügeln, wie zum Beispiel die Nachfrage nach der Veräußerbarkeit des Viatis-Streifens auf dem Vereinsgelände in näherer Zukunft. So verfällt eine wichtige Funktion der Mitgliederversammlung, die Möglichkeit Informationen einzuholen.

Allgemeinplätze (z.B. „auf dem richtigen Weg“) aussagelose Phrasen („wir haben da grundsätzlich Vertrauen“) und dergleichen gab es stattdessen in Hülle und Fülle zu betrachten. Und während die Fragesteller auf einmal zur Knappheit gedrängt wurden erlaubte es sich Ralf Woy, eine 2-Satz Antwort auf eine Frage zum Stadionneubau (diese hätte so aussehen können: 1. „Wir wollen in die Betreibergesellschaft, müssen viel allerdings noch mit der Stadt klären. 2. Machbarkeitsstudie ist fast fertig) auf mehrere Minuten langwierige Erläuterungen auszudehnen.
Ja, es gab eine Menge sinnloser und mit polemischen Vergleichen unterlegter Anfragen („unter Pinos Sprünge passt keine Zeitung mehr, ist der nicht ein wenig teuer für nen Fanbetreuer?“), wo ich es nachvollziehen kann, wenn die Antwort jetzt ebenfalls nicht vor Sachlichkeit starrt. Aber es gab doch einige sehr gute Anmerkungen und Nachfragen, die Zeit und Präzision in der Beantwortung verdient gehabt hätten. Diese wurden allerdings mit der gleichen Politiker-Nichtantwort bedacht oder aber mit Kalauern auf vermeintlich witzigen Boden geleitet. Dazu das bereits erwähnte Gedränge, sich doch kürzer zu fassen. Dies und die teilweise wirklich seltsamen Einlassungen und Fragen vom Mitgliedermikrofon erzeugten eine ungeduldige Stimmung, obwohl es das verbriefte Recht eines Mitgliedes ist, an der Aussprache teilzuhaben. Vielleicht hätte es sogar noch wichtige Wortmeldungen abzugeben gegeben, die durch diese Stimmung unterdrückt wurden.

Martin Bader

Bader gab sich durchaus selbstkritisch, wich konkreten Nachfragen aber ziemlich aus.

Als Beispiel, was durch diese Gesamtumstände untergehen kann möchte ich hier die Nachfrage meines Kollegen Chaos nennen, der Martin Bader auf seine Begründung der Entlassung Wiesingers hinwies. Wie ich nachfolgend darlegen werde war diese mehr als berechtigt.
Martin Bader hatte im Zuge der Entlassung verkündet, man sei grundsätzlich mit Michael Wiesinger zufrieden gewesen, lediglich die Ergebnisse hätten nicht gestimmt. Dem entgegnete Chaos, dass die Spielweise des FCN mitnichten mit dem Leitbild des FCN (Kurzpassspiel der 60er Jahre vs. Fehlpassfestival in der Realität) zusammenpassen würde, woraufhin Herr Bader mal wieder den guten Weg auspackte, auf dem man sich befinde und dass ja alles Zeit benötige etc. pp. Hier muss man entschieden einhaken. Michael Wiesinger und Armin Reutershahn hatten 9 Monate Zeit ihre Vorstellungen umzusetzen. Ihnen wurden Einkäufe in finanziellen Größenordnungen zur Verfügung gestellt (und auch sicherlich mit ihren Wünschen abgestimmt) die für den Glubb außergewöhnlich waren. Auch wenn ich mich an Hans Meyers Ratschlag halte, Ablösemodalitäten aus der Presse nicht als Fakt zu übernehmen, so kann man sie in meinen Augen zumindest als Größenordnung und Schätzung ansehen. Und selbst wenn sie alle um 100% übertrieben waren, wäre die Investitionssumme immer noch beachtlich und ist somit ein weiteres Argument gegen Zufriedenheit abseits der Punkteausbeute der Trainer. Warum das überhaupt wichtig ist? Weil es für das Überleben des FCN unverzichtbar ist, erste Liga zu spielen. Und die erste Liga hält man mit Punkten, klar, aber man hält sie auf Dauer eben eher mit einer Mannschaft, die Antworten jenseits von Standardrezepten (bei unserer demonstrierten Abhängigkeit von selbigen sogar im wahrsten Sinne des Wortes) parat hat.

Armin Reutershahn hatte zuletzt im Interview sogar eingeräumt, mit vielen Visionen, wie einer offensiveren Spielweise, gescheitert zu sein. Das heißt auch das Trainergespann selbst war abseits der mageren Punkteausbeute unzufrieden. Jetzt stellt sich also die Frage, entsprach Baders Version der Wahrheit und seiner wirklichen Meinung, oder gab er sich nur nach außen hin zufrieden, bis eben auf die leidigen Punkte?

  • Falls ja, hätte dies zur Folge gehabt, dass man ohne die 5:0 Klatsche auch weiterhin an beiden Trainern festgehalten hätte, obwohl sie seit 9 Monaten ihre Konzepte nicht ans Laufen bekamen. Auch wenn die Punkteausbeute von 24 in der Rückrunde alles andere als schlecht war, die sportliche Perspektive konnte angesichts des weiterhin sehr limitierten Spiels nicht positiv sein. Und ein Sportvorstand der dies nicht erkennt, muss sich zumindest kritische Nachfragen gefallen lassen, warum dies so ist, obwohl selbst der betroffene Trainerstab hier die Probeleme nicht verneint.
  • Falls nein, wäre dies beruhigend zu hören gewesen.
Podium

Vom Podium aus gab es viel Relativierendes, Beruhigendes, aber leider wenig handfeste Antworten.

Stattdessen also Floskeln als Antwort und das Verbreiten einer kuschligen Zufriedenheitsstimmung. Ja, Bader sparte auch nicht an kritischen Bemerkungen in seinem Eingangsstatement, aber es ist mit ein paar selbstkritisch zerknirschten Grundsatzerläuterungen nicht getan. Damit sich Dinge verbessern muss man an die Details heran und das blieb man an diesem Abend leider schuldig. So gingen neben Chaos Frage auch wichtige Punkte wie Nachfragen zum viel geringen Werbeertrag eher als Nebenaspekt unter. Dies sind aber die zentralen Punkte, die den Verein bewegen sollten.

Daniel Ginczek

Woy dachte wohl, dass Fürth-Witze ein guter Weg seien, Mitglieder zu informieren.

Wie kann man neben einem Stadionneubau mit mehr Logen die Finanzsituation des Vereines verbessern? Was sind konkrete Ansätze außer einer klamaukartigen Forderung an den anwesenden Sportfive-Vertreter angesichts des auslaufenden Trikotsponsorvertrages? Schon beim NKD Vertrag hatte man ja eine Einbuße im Ertrag im Vergleich zu Areva hinnehmen müssen und das, obwohl doch der FCN laut Bader an „Strahlkraft“ in den letzten Jahren gewonnen habe.  Auch die Zahlen der Marketing AG (eigentlich zutreffender wäre Merchandising und Ticketing AG) mit gerade einmal 800.000€ im gesamten Bilanzjahr ist alles andere berauschend. Natürlich braucht so eine Entwicklung Zeit. Aber es ist wichtig, den Finger weiter in die Wunde zu legen und ich hätte mir hier ehrlichere Zugeständnisse über die weiterhin vorliegenden Rückstände des Vereins in vielen Belangen gewünscht. Es ist vieles auf dem Weg, das mag sein. Dass wir überhaupt über einen Stadionneubau nachdenken können und dieser nicht grundsätzlich als abwegig vom Tisch ist, ist bereits ein Erfolg. Dennoch missfällt mir die Kultur des rosigen Wattebausches, mit dem berechtigt kritische Nachfragen weichpoliert wurden.

Diese wurde dieses Jahr leider nur dann durchbrochen, wenn es unsachlich oder zumindest persönlich zu werden drohte. Ohne diese Fälle in irgendeiner Form gleichsetzen zu wollen drei Beispiele, wann wir die Wohlfühloase kurz verließen:

  1. Ralf Peisl wurde vorgeworfen, als Rechtsanwalt der unter anderem auch „Chaoten“ vertrete habe er einen Interessenkonflikt. Kompliment, Sie haben den Rechtstaat nicht verstanden wissen die Rechte, die er Ihnen im Allgemeinen (nicht unbedingt immer und noch seltener beim Fußball) beschert, wohl auch nicht zu schätzen.
  2. Bei Hax‘n-Stahlmann ging es erneut um die Geschichte mit dem Bayernspiel und dem Lokalverbot für sich beschwerende Glubbfans. Anders als in seiner damaligen Radiostellungnahme wehrte er sich sehr beleidigt, beschied den Fragesteller, dass er sich nicht ins geschäftliche hineinreden ließe und bestritt die Vorwürfe kaum.
  3. Klaus Schramm

    Schramm stand heftig in der Kritik wegen seiner Presseäußerungen, erarbeitete sich durch eine Entschuldigung letztlich aber das Vertrauen der Versammlung

    Klaus Schramm sollte trotz Entschuldigung aus dem Gremium abgewählt werden. Dieser verteidigte sich weiter gar nicht, hatte den Fehler ja auch bereits eingestanden. Stattdessen griff Günther Koch sehr manipulativ ein und stellte die Wohlfühloase wieder her, indem er das Plenum quasi anwies wie es zu stimmen hätte und den Antrag am liebsten bereits vorab kasiert hätte. Um es klarzustellen: Ich finde Klaus Schramm hat einen tollpatschigen Fehler begangen, Mutwilligkeit lag aber meines Erachtens nicht vor. Durch Presseecho, vermutliche interne Ansage und die große Kritik auf der JHV sollte er aber einen deutlichen Denkzettel erhalten haben, wodurch für mich die Sache auch abgehakt ist. Ob dem Verein jetzt mit einem Rauswurf wirklich gedient gewesen wäre, oder aber weiterer Schaden angerichtet worden wäre, bleibt jedem selbst überlassen. Was aber nicht geht, ist das vom Podium aus ein Mitgliederentscheid derartig beeinflusst wird. Es war auch für die Thematik unerheblich, ob Klaus Schramm seit 40 Jahren Glubberer ist, oder nicht. Es ging doch eigentlich um die Sache und wie Klaus Schramm in Zukunft damit umginge. Wenn, hätte sich der Betroffene äußern können, Kochs Statement aber war deplaziert und letztlich gegenüber der in der Sache gerechtfertigten Kritik unangemessen und auch unfair.

Abgesehen davon wie gesagt sehr viel Klamauk, Nichtantworten und Festzeltcharakter statt echter Information und sachlicher Debatte. Hier sehe ich auch für die IG Zukunft und alle anderen engagierten Fangruppierungen (sei es UN oder BAC oder Herzblut Nürnberg oder oder) die Aufgabe nicht müde zu werden den Finger sachlich, aber weiterhin kritisch in die Wunde zu legen. Es ist wird nicht automatisch alles gut, weil sich bestimmte Dinge bisher gebessert haben, es kann auch zum Stillstand kommen. Deswegen ist es so wichtig weiter wach zu sein, Leute darauf hinzuweisen, was alles überhaupt noch nicht in Ordnung ist und mit möglichst vielen Querköpfen zur Jahreshauptversammlung zu reisen, um dort die Klatschkultur zu durchbrechen.

Bildquellen: fcn.de

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3 Kommentare zu Westblick #25: Kritischer Blick auf die JHV

  1. Christian sagt:

    Peisl hätte seine polemische Forderung ja leicht unterlassen können. Etwas weniger marktschreierisch wie bei seiner ersten Wahl in den Aufsichtsrat – „P wie Pinola, P wie Peisl“ – etwas weniger schnoddrig wie zuletzt stünden ihm nicht schlechter zu Gesicht. „Gün­ther Koch sehr mani­pu­la­tiv“? Das ist wohl witzig gemeint, oder? Am Ende ist dann jeder Wortbeitrag noch manipulativ oder Stimmungsmache?

    • Exilfrange sagt:

      Hätte er, aber er weiß mittlerweile wie Wahlkampf geht. Das ist ja der Teufelskreis. Das Publikum gewinnst du leider nur mit dieser Tour und die Tour schreckt alle anderen als dieses Publikum ziemlich ab. Inwiefern schnoddrig?
      Und nein das ist nicht witzig gemeint. Wie ich erklärt habe war soeben ein Antrag gestellt worden und dann sollte in meinen Augen wenn nur noch Antragsteller, Betroffener und evtl. Satzungsverständige reden. Günther Koch hat in dem Moment sich nicht einzumischen und dem Publikum mitzuteilen was für ein netter Kerl doch der Klaus ist.
      Erstens ist es egal ob der Klaus nett ist oder nicht, sondern es geht um die sachliche Bewertung seines Verhaltens. Zweitens ist es nicht an GüKo an der Stelle einzugreifen.

      Ein bisschen Respekt vor der JHV in ihrer Funktion als Gremium wäre an dieser Stelle angebracht gewesen und in der zählt auch die Stimme eines ARs nur einfach.
      Im Übrigen war ich auch dafür, Schramm nicht abzubestellen.
      Aber wie es dazu kam, gefiel mir nicht.

      Jetzt klar geworden?

  2. Matt sagt:

    Sehr gute Zusammenfassung.
    Danke.
    Leider kam ich zur JHV etwas spät, deshalb habe ich einiges nicht mitbekommen.

    Aber deiner kritische Anmerkung bzgl Wiesingers‘ Scheitern als Cheftrainer möchte ich etwas hinzufügen.
    Ich finde Bader hat bei der Ernennung Wiesingers einen groben Fehler gemacht. Als Vorgesetzter hätte er klar erkennen müssen, dass Wiesinger bei weitem noch nicht so weit war diese Verantwortung schultern zu können.
    Ich meine damit nicht unbedingt die fußballfachliche Kompetenz Wiesingers, ich meine damit die Fähigkeit Wiesingers Menschen führen zu können, ein Team bilden zu können, souveräne Öffentlichkeitarbeit leisten zu können, mit zwischenmenschlichen Problemen umgehen zu können. Alles das und noch einiges mehr schien mir bei Wiesinger noch nicht so richtig zu „sitzen“ , es fehlt ihm entschieden an Erfahrung.
    Manchmal muss man übereifrige Mitarbeiter zu ihrem eigenen Vorteil bremsen und zwingen zuerst den ersten vor dem dritten Schritt zu machen.
    Das! ist auch ein Teil der Verantwortung eines Vorgesetzten, seine Leute nicht zu verbrennen sondern gezielt und mit Augenmaß zu fördern. Bader hat Wiesinger viel zu früh ins kalte Wasser geworfen, er hat damit nicht nur Wiesinger geschadet sondern auch dem Verein.
    Ich habe sehr viel Erfahrung was Mitarbeiterführung und -förderung angeht und ich bin immer noch verärgert über diesen wirklich leichtsinnigen und groben Anfängerfehler Baders.

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